Wie die 68er die „tickende Zeitbombe“ Zuwanderung lieben lernten

„The working class has deserted us“. Diesen Ausspruch eines frustrierten Herbert Marcuse überliefert Bassam Tibi in seinem Buch über die Krise der multikulturellen Gesellschaft „Europa ohne Identität?“ (2000, S. 44). Als die deutschen Linksintellektuellen Ende der 1970er Jahre gleichfalls einsehen mußten, daß die Arbeiterschaft ihres Landes nicht die geringste Neigung zeigte, sich den revolutionären Heilsversprechen der roten Besserwisser anzuschließen, seien diese – der Marcuseschen „Randgruppentheorie“ folgend – auf die Ausländerseite umgeschwenkt und hätten den Migranten nun die umstürzlerische Rolle einer revolutionären Unterschicht zugewiesen. Nach dem Scheitern von K-Gruppen, RAF & Co. glaubte man, in diesem Ersatzproletariat endlich den wirksamen Sprengstoff gefunden zu haben, mit dem die verhasste bürgerliche Gesellschaft vom Erdboden getilgt werden könnte.

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Ein Begriff machte damals Karriere, um den es heute seltsam still geworden ist: „Vielvölkerstaat“. Daß der SPD-Linke Martin Neuffer 1982 in einem vielbeachteten zuwanderungskritischen Buch für das „Recht“ der Deutschen plädierte, „nicht in einem Vielvölkerstaat zu leben“, hatte damit zu tun, daß dieser Begriff seinerzeit in einschlägigen Kreisen den Rang einer Zukunftsvision für den linken Marsch in die Institutionen erlangt hatte. Aufbruchsdokument für diese heute in Gestalt von Parallelgesellschaften Wirklichkeit gewordene Vision (deren verheerende Folgen Neuffer mit erstaunlicher Klarsicht vorhersah) war das Kursbuch 62 vom Dezember 1980 mit dem programmatischen Titel „Vielvölkerstaat Bundesrepublik“ (amazon). In ihm ist erstmals davon die Rede, daß nach den Vorstellungen der linken Weltverbesserer in unserem Land zukünftig verschiedene Kulturen nebeneinander leben sollten.

Die Sache wurde von Anfang an radikal gedacht: Erklärtes Ziel war der Sturz des Staatsvolkes als Souverän. Nach herkömmlichen Begriffen also Hochverrat. Dieser Angriff wurde insbesondere von dem Berliner Richter Fritz Franz (Jg. 1924) vorgetragen, Spezialist für Ausländer- und Asylrecht, der in seinem Beitrag „Einwanderer ohne Einwanderungsland“ (S. 159-171) nicht nur den Nationalstaat verabschiedete, die „Abwehrfunktion des Fremdenrechts“ beklagte sowie fürs Staatsangehörigkeitsrecht eine Aufweichung des Abstammungsprinzips (ius sanguinis) zugunsten des Geburtsortprinzips (ius solis) forderte – alles inzwischen altbekannte Melodielinien der De-Homogenisierungs-Aktivisten. Franz forderte darüber hinaus ganz unverblümt, daß die Deutschen als „Inhaber der Macht“ abtreten müßten. Das Bestehen des deutschen Staatsvolkes auf seiner Souveränität („Alleinherrschaft“) sei Ausdruck von Herrenmenschentum, das die Solidarität der Ausländer mit den Gastgebern untergrabe. Nur wenn die Deutschen als „Machthaber“ Ausländern gleiche Rechte zuerkennen würden, sei dies eine Entscheidung für Gemeinwohl und Demokratie.

Aber es kam noch besser. Gegen Ende der 1970er Jahre kam in der Öffentlichkeit angesichts immer deutlicher werdender Diskrepanzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit der Zuwanderung das Bild von der „tickenden Zeitbombe“ auf, vor der etwa der Frankfurter Sozialdezernent Trageser 1979 warnte. Das nahmen die akademischen Nachwuchskräfte Rolf Haubl (heute Stellvertretender Geschäftsführender Direktor des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts)  und Gerd-Peter Marck (heute Allgemeinmediziner)  zum Anlaß, ihrem Kursbuch-Beitrag den Titel „Die Bombe lieben lernen“ (S. 173-181)  zu verpassen. So kurz nach dem Scheitern der RAF klang dieser lustige Geistesblitz nach subtileren Knalleffekten und war durchaus so gemeint. Zuwanderung als Sprengsatz des Systems, einfach genial! Liest man heute dieses Traktat, schwankt man zwischen Schmunzeln und Entsetzen. Damals konnte man nämlich in einem linken Intellektuellenblatt allen Ernstes behaupten, die Gestaltung der Gastarbeiterfrage – so das Fazit des Traktats – laufe auf „Kolonialismus auf eigenem Territorium“ hinaus.

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Der intellektuelle Furor richtete sich insbesondere gegen das im September 1979 veröffentlichte sog. „Kühn-Memorandum“ des ersten Ausländerbeauftragten (1978-80) der Bundesregierung, Heinz Kühn (SPD). Darin wurde angemahnt, der Tatsache, dass Deutschland „faktisch ein Einwanderungsland“ geworden sei, durch umfassende Integrationsangebote Rechnung zu tragen (erleichterte Einbürgerung, kommunales Wahlrecht usw.).

Was regte Leute wie Haubl/Marck damals am Kühn-Memorandum so auf, das viermal abwertend erwähnt aber nie zitiert wird?

1. Seit seiner Veröffentlichung sei in der Tagespresse gehäuft von der „tickenden Zeitbombe“ Zuwanderung die Rede (S. 173).

2. Das Memorandum erscheine als „rationale Diagnose einer Dramatik“, die es noch gar nicht gebe. Dadurch werde die bundesrepublikanische Bevölkerung erpreßt, „ihr“ Modell Deutschland zu verteidigen (S. 175) – d.h. „einen Alltag …, den die kritische Reflexion als Zusammenbindung unerfüllter Wünsche aufschlüsselt.“ Der bundesrepublikanische Alltagsmensch stecke nämlich voller Projektionsneigung: „Diese nimmt bevorzugt alles innovationsverdächtige Fremde zu ihrem Objekt und erfährt es als Todesdrohung“ (S. 176).

3. Nicht die „Gastarbeiter“ sind das Problem, sondern die verkorkste Psyche des „bundesrepublikanischen Alltagsmenschen“:

„Anders als das Kühn-Memorandum suggeriert, kommt die Bedrohung nicht mit den ‚Gastarbeitern‘ in die Welt, sondern ist als verdrängtes Wunschpotential konstitutiver Teil bundesrepublikanischer Alltäglichkeit und somit immer schon da. Das projektive Bedeutungsfeld, das die Zeitbomben-Etikettierung aufreißt, holt die geleugnete Realität bislang nicht gelebten, auf später verschobenen empathischen Lebens ans Licht und macht den Wunsch gegenüber den alltäglich Lebenden virulent; man erfährt sich als prätentives Opfer von Sabotage. Nicht der Sprengstoff ist es, der die Bombe so gefährlich macht, sondern der bis zur Detonation verbleibende Rest Lebenszeit – die Zeit selbst droht ‚hochzugehen‘ und setzt dabei objektive Selbstaufmerksamkeit frei. Auf das bisherige Leben gerichtet, konstatiert sie Mangel an Glück und Zufriedenheit; um ihn abzuwehren, projiziert sie ihn nach außen, auf ein benennbares und sinnlich wahrnehmbares Objekt, dessen Mangel als geringer fantasiert werden kann. Es bedroht uns insofern, als die Konfrontation mit ihm beständig an die eigene Bedürftigkeit erinnert. Gerade die Exotik des Fremden gibt dafür in besonderem Maße einen Spiegel ab. Wir fühlen uns zu ihm hingezogen und fühlen doch ebenso, daß wir unser Spiegelbild kaum aushalten werden; wir sollten es besser vermeiden, oder wir müssen es zerschlagen. So wird unser eigener Mangel an Glück und Zufriedenheit im Fremden als etwas für uns selbst Abnormes greifbar. Seine Diskriminierung und Kriminalisierung dient unserem eigenen psychischen Schutz und bewahrt uns vor Dekompensation“ (S. 176f).

Alles klar? Gott sei Dank sind wenigstens die Autoren noch psychisch gesund und können uns den Ausweg aus Mangel an Glück und Zufriedenheit aufzeigen.

4. Die Konzeption des Kühn-Memorandums habe ihre Beschränkung gerade darin, „daß sie den Glauben an einen technisch behebbaren Systemfehler unangetastet läßt und dadurch eine Reflexion der gesellschaftszentrischen Fantasien, die einen neuen Rassismus überhaupt erst ermöglichen, ausblenden“ (S. 180).

Die beiden Autoren kommen zu dem Schluß, daß Integration in die bestehende Gesellschaft den Emigranten wegen des damit verbundenen „Identitätsverlustes“ nicht zugemutet werden könne. Wohl aber ist der aufnehmenden Mehrheitsgesellschaft die Preisgabe ihrer – ohnehin ja verachtenswert minderwertigen – Identität zuzumuten, indem sie Zuwanderern umstandslos gleiche Rechte einräumt. Selbstbestimmungsrecht der alteinsässigen Mehrheit, Souveränität des Staatsvolkes? Das Beharren auf solchen Grundpfeilern der Demokratie ist für Haubl und Marck jener perfide „Kolonialismus auf eigenem Territorium“, von dem schon die Rede war. Hier gelangt das antidemokratische Weltbild einer Linken zur Kenntlichkeit, für die der Volkswille zur „Tyrannei der Mehrheit“ (Marcuse) wird, sobald er den eigenen Zielen zuwiderläuft.

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Solcherart geistig gerüstet, marschierte die in K-Gruppen und anderen Politsekten gescheiterte junge rote Garde am Ende des „roten Jahrzehnts“ in die SPD ein, so sie nicht bei den Grünen landete, und man versteht, warum Helmut Schmidt von der „Krise in den Köpfen“ der Parteilinken sprach. Für die kam Schmidts Machtverlust 1982 wie gerufen, konnte doch nun der Kompaß der Partei ohne den Ballast einer Regierungsverantwortung neu justiert werden, Marschrichtung Multikultistan und proto-totalitärer Nachtwächterstaat der Besserwisser.

Die vorläufige Endstation dieses Weges dürfen wir heute in Gestalt einer zerfallenden Gesellschaft erdulden, nachdem die geliebte Zeitbombe Zuwanderung der Haubl, Marck & Co. hochgegangen ist: Ein sozial verwüstetes Land, dessen Bewohner fast zur Hälfte ihrer politischen Führung die Gefolgschaft verweigern. Die Nichtwähler als mit Abstand stärkste Volkspartei sind ein unberechenbares Systemrisiko. Zur Zeit warten sie noch auf ein seriöses Alternativangebot zu den Etablierten, vorzugsweise im Vakuum rechts von der CDU. Sollten die Zeiten schlechter werden, und das werden sie, werden die vormaligen Nichtwähler nicht mehr so wählerisch sein nach dem Motto: Alles ist besser als diese Herrschenden. Und wie das donnernde Echo auf Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ zeigt, brennt den Leuten genau das unter den Nägeln, was die Linken geschaffen haben, indem sie jede Kritik an dem eingeschlagenen Weg unterdrückten: den Vielvölkerstaat, den die Mehrheit nicht will.

Übrigens: Kurz nachdem Heinz Kühn sein Amt als Ausländerbeauftrager im Herbst 1980 aufgegeben hatte, gab er zu Protokoll (Quick 15. Januar 1981):

„Unsere Möglichkeiten, Ausländer aufzunehmen, sind erschöpft. Übersteigt der Ausländeranteil die Zehn-Prozent-Marke, dann wird jedes Volk rebellisch.“

Diese Rebellion steht nun vor der Tür. Wir gehen spannenden Zeiten entgegen.

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Vernetzt mit: Die Vorläufer Sarrazins in der SPD | Sarrazin & die SPD

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2 Antworten zu Wie die 68er die „tickende Zeitbombe“ Zuwanderung lieben lernten

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