Stauffenberg: Kampf um die Deutung

20. Juli: Die Linke versucht, den nationalen Charakter des deutschen Widerstands auszulöschen

Thorsten Hinz (Junge Freiheit 29/10, S. 1)

Das Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 wurde jahrzehntelang als ein Akt der Selbstreinigung und Ehrenrettung gewürdigt, der über die Untaten des Nationalsozialismus hinaus zu nationaler Selbstachtung auffordert und eine moralische und politische Selbstbehauptung Deutschlands ermöglicht. Dieser geschichts- und gesellschaftspolitische Konsens gerät mehr und mehr ins Wanken. Im vergangenen Jahr wurde der Stauffenberg-Film „Operation Walküre“, eine Hollywood-Produktion, von weitgehend gleichgestimmten deutschen Medien um einen möglichen Publikumserfolg gebracht. Als Vorwand diente die Mitgliedschaft des Hauptdarstellers Tom Cruise in der Scientology-Kirche, die mit dem Film in keinerlei Zusammenhang stand. Der wirkliche Grund offenbarte sich im allgemeinen Jubel, mit dem kurz darauf Quentin Tarantinos Streifen „Inglourious Basterds“ bedacht wurde. Ein Höhepunkt ist die Szene, in der deutschen Kriegsgefangenen die Schädeldecke zertrümmert und sie skalpiert werden: barbarische Akte körperlicher und moralischer Auslöschung und schwere Kriegsverbrechen obendrein, die hier einen Gegenstand heiterer Unterhaltung bildeten. Die Rechtfertigung fand der eigenwillige Humor letztlich in der Zivilreligion, die sich um den Holocaust zentriert und der auch Tarantinos Film gehorchte.

Solche Hintergründe sind zu bedenken, wenn man den Antrag analysiert, mit dem jetzt die Linkspartei eine Gleichstellung des kommunistischen mit dem bürgerlich-partriotischen Widerstand erreichen will, der sich in der Tat vom 20. Juli manifestiert. Die Linkspartei ist in der bundesdeutschen Parteienlandschaft längst kein Außenseiter mehr. Seit der Verabschiedung der Hartz-Gesetze wächst sie in die Rolle einer ideologischen Avantgarde und einer konfusen gesellschaftspolitischen Diskursmaschine hinein, welche in den achtziger und neunziger Jahren die Grünen innehatten. Auch im aktuellen Antrag nimmt sie mit viel Geschick gesellschaftliche Tendenzen und politische Entwicklungen auf und versucht sie für ihre eigenen Ziele zu forcieren.

Vordergründig soll jenen Widerständlern späte Gerechtigkeit zuteil werden, die nach 1949 wegen ihrer Zugehörigkeit zur Kommunistischen Partei und ihr nahestehender Organisationen von Entschädigungszahlungen ausgeschlossen worden waren. Die Linke sieht das als Ausdruck eines doktrinären Antikommunismus, der vom Nationalsozialismus übernommen wurde. Was sie unter den Teppich kehrt: Die KPD und ihre Umfeldorganisationen in der Bundesrepublik waren im Kalten Krieg – der ein innerdeutscher und internationaler Bürgerkrieg war – eine „Partei der DDR“ (Ernst Nolte), die ein Anhängsel der Sowjetunion darstellte. Der Unwillen der Bundesrepublik, die Partisanen der Gegenseite mit Staatsgeld zu bedenken, sowie ihr Antikommunismus sind also verständlich.

Allerdings war nicht jeder, der zu den Kommunisten gerechnet wurde, ein Werkzeug Stalins und Ulbrichts. Es gab Nationalkommunisten, die ein sozialistisches und zugleich unabhängiges, kein sowjetisiertes Gesamtdeutschland anstrebten. Und ein Kommunist, der im Dritten Reich Juden versteckte, tat das kaum in der Erwartung, dadurch stalinistischen Verhältnissen in Deutschland näherzukommen, sondern er handelte individuell, todesmutig und höchst ehrenhaft. Es gehört zu den häßlichen Begleiterscheinungen der deutschen Teilung und des Kalten Krieges, daß solchen Menschen wegen ihrer abweichenden politischen Gesinnung die Ehre abgeschnitten wurde. Ginge es der Linkspartei um Gerechtigkeit für sie, sollte eine rasche Lösung möglich sein.

Doch in Wahrheit sind sie nur das Vehikel, mit dem die Linke die kulturelle Hegemonie erzwingen will. Die soziale Maßnahme soll nämlich mit einer öffentlichen Geste verbunden werden, welche „die Zugehörigkeit deutscher Kommunisten und Kommunistinnen zum Erbe des Widerstands gegen das NS-Regime“ zum Ausdruck bringt. Strategisches Ziel ist die politische und ideologische Rehabilitierung von KPD und SED im Zeichen eines antifaschistischen Geschichts-, Staats- und Verfassungsbegriffs.

In der Sache und im Vokabular kann die Linkspartei an die offizielle BRD-Geschichtspolitik anknüpfen. Sie spricht von einer „schwierigen Aufarbeitung der bis heute einzigartigen Verbrechensgeschichte des NS-Regimes“. Der Topos der „Einzigartigkeit“ steht für die Enthistorisierung der NS-Geschichte und ist zugleich das Kernstück der bundesdeutschen Geschichtsmetaphysik. Das spezifische Interesse der Linkspartei besteht darin, den Anteil der KPD an der Entstehung des NS-Regimes zu vernebeln. Die anschwellende kommunistische Bewegung in der Weimarer Republik war der verlängerte Arm Moskaus im europäischen Bürgerkrieg der Systeme. Die drohende Schreckensherrschaft nach sowjetischem Vorbild verschaffte der NSDAP und SA – neben dem Zorn über den Vertrag von Versailles – erst den nötigen Massenzulauf. Die KPD, soweit sie als Partei hervortrat, setzte mit ihrem Kampf gegen das NS-Regime lediglich ihren ideologischen Bürgerkrieg fort, was wegen dessen Erfolglosigkeit und des einseitigen Blutzolls jedoch kaum thematisiert wird. Aus sachlichen Gründen kann er nicht zum Erbe des deutschen Widerstands gerechnet werden, der humanistischen und patriotischen Überzeugungen folgte.

Mit der Feststellung, daß der Widerstand „nicht sehr zahlreich“ war, verwirft die Linkspartei die nationale Zielsetzung, die den Verschwörern vom 20. Juli so wichtig war. So macht sie sich wiederum anschlußfähig an die Zivilreligion, in der das deutsche Volk lediglich als negative Bezugsgröße existiert, und damit an das gloriose Geschichtsbild, das heute selbst im sogenannten bürgerlichen Lager als „Konsens der Demokraten“ gilt. Die Möglichkeiten der Linkspartei, diesen Konsens weiter in Richtung eines militanten Antifaschismus zu verschieben, würden sich mit einem Erfolg ihres Antrags enorm vergrößern. Wer tritt ihm entgegen?

#Presse #JF

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