Leon de Winter: Holländisches Tagebuch

Nach der Ermordung des islamkritischen Filmemachers Theo van Gogh veröffentlichte die WELT ab dem 18. November 2004 ein 24-teiliges „Holländisches Tagebuch“ des Bestsellerautors Leon de Winter, das im folgenden dokumentiert wird. Die kurzen Texte setzen sich in pointierter Form mit den Folgen der schleichenden Islamisierung von de Winters Heimatland auseinander, das einst als Musterland der Toleranz galt – ein Status, der nach de Winters Auffassung durch das Auftreten zugewanderter Gäste aus dem islamischen Kulturkreis de facto zur Disposition steht. Angesichts der fatalen Lage, in welche die selbstmörderische Ideologie des Multikulturalismus sein Land gebracht hat, schreibt de Winter zum Abschluß seines Tagebuchs:

„Wir sollten die Arroganz aufbringen, unsere neuen islamischen Mitbürger Verträglichkeit, Individualität und die Rechte und Pflichten des modernen Bürgertums zu lehren, doch wir lassen uns von den Illusionen des Multikulturalismus lähmen. Seit den sechziger Jahren machen wir uns selbst weis, alle Kulturen seien gleichwertig. Wenn das so wäre, wäre Kannibalismus nur eine Frage des Geschmacks.

In den Niederlanden wie in ganz Europa wird der Druck der Intoleranten auf unsere Toleranz zunehmen. Uns bleibt keine andere Wahl: Wir müssen eine Weile die Tore schließen und uns auf die Frage besinnen, wer wir sein wollen und was wir dafür zu opfern bereit sind. Haben wir den Mut, Antworten darauf zu finden?“

Die Überschriften der einzelnen Beiträge lauten:

1 Sollte ich meine Kinder bewachen lassen? |2 Wo sind die liberalen Muslime?   |3 Ich bin ein Sinnbild dreckigen Unglaubens   |4 Versorgungsstaat = schlechter Staat   |5 Islam heißt auf deutsch „Unterwerfung“   |6 Die Ignoranz der Toleranz   |7 Warum nur dieser Haß, diese Rachegefühle?   |8 Nachdenken über den Staatsstreich   |9 Ein Glas Wein auf Theo van Gogh   |10 Der Verlust der politischen Anstandsregeln   |11 Die Unterlegenheit der Muslime   |12 „Kämpft gegen die Ungläubigen“   |13 Ayaan Hirsi Ali schlägt sich durch   |14 „Ich bin gegen diesen Mord, aber …“   |15 „Der Islam – in reinster Form lebensgefährlich“   |16 „Es geht um die Freiheit der Religionskritik“   |17 Der ironische Onkel Otto und der liebe Gott   |18 Zu weit gehen, um anzukommen   |19 Fundamentalismus der Ignoranten   |20 Der Graben wird immer tiefer   |21 Weil die Flut steigt   |22 Lieber schlampig als im Heilsstaat   |23 Die toleranteste Gesellschaft der Welt   |24 Wir müssen eine Weile die Tore schließen

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WELT 18.11.2004

(1) Sollte ich meine Kinder bewachen lassen?

Holländisches Tagebuch

von Leon de Winter

Zum „größten Niederländer aller Zeiten“ haben wir Pim Fortuyn gewählt. Die Engländer hatten Churchill, die Deutschen Adenauer, wir halten es mit Pim Fortuyn. Natürlich war Fortuyn kein Held. Aber er hatte es gewagt, den herrschenden linken Eliten und ihren Obsessionen den Kampf anzusagen.

Wir haben uns in den Niederlanden selbst etwas Kompliziertes aufgehalst. Nicht, weil unsere Toleranz eigentlich naiv ist, wie Herman van Veen Sonntag abend bei „Sabine Christiansen“ bemerken durfte – selten habe ich so viel musikalisches Talent derart in intellektueller Luftleere verpuffen sehen -, sondern weil in den Niederlanden die Eliten länger als irgendwo sonst mit ihren multikulturellen Illusionen die bittere Wirklichkeit beherrschen konnten.

Natürlich sind die meisten Immigranten aus islamischen Kulturen einigermaßen angepaßt und friedliebend, und das Übel geht von einer kleinen extremistischen Gruppe aus. Doch unser Staatsschutz, der AIVD, schätzt, daß die Radikalen von fünf bis fünfzehn Prozent der in den Niederlanden lebenden Moslems unterstützt werden. Die gigantische Spanne von zehn Prozent zeigt, daß der AIVD eigentlich keine Ahnung hat, was los ist. In den Niederlanden leben 16 Millionen Menschen, eine Million davon sind Moslems. Selbst wenn wir vom niedrigsten Prozentsatz ausgingen, kämen wir auf ein radikales Umfeld von 50 000 Menschen. Das sind 50 000 Vulkane in einem kleinen Land, das zu einem Drittel unter dem Meeresspiegel liegt. Wer kann mit so einer Bedrohung leben?

Als ich vergangene Woche meine Kinder in unsere Dorfschule brachte, fragte eine der Mütter, ob wir nicht über eine Bewachung nachdenken sollten. Von Freunden hörten wir, daß deren Freunde in Amsterdam vier bärtige Männer mit arabischer Kopfbedeckung beobachtet hätten, wie sie aus einem Auto heraus eine Schule fotografierten. Die natürliche Todesangst, die jeder Vater und jede Mutter kennt, wenn es um die Sicherheit ihrer Kinder geht, eine Angst, die von ohnmächtiger Liebe geprägt ist, hat nun plötzlich eine politische Dimension angenommen. Wir haben eine Heidenangst vor einem zweiten Beslan.

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WELT 19.11.2004

(2) Wo sind die liberalen Muslime?

Holländisches Tagebuch

von Leon de Winter

Auf Hochtouren laufen derzeit Aktionen, die die Risse in der niederländischen Gesellschaft schließen sollen. Staatsvertreter besuchen Moscheen und islamische Schulen. Überall tönt es, der Islam sei eine Friedensreligion. Vorige Woche demonstrierten in Den Haag einige hundert Männer (keine Frau ließ sich blicken) mit Schildern, auf denen stand: Islam = Frieden. Größere Demonstrationen vermißt man bisher. Wo sind die liberalen, demokratischen und reformierten Moslems? Warum strömen sie nicht massenhaft zusammen? Haben sie auch Angst?

Die politischen Führungskreise in den Niederlanden haben es immer noch nicht begriffen. Anstatt Diskussionen über die religiösen Ursachen des islamistischen Hasses anzuregen, hat der christdemokratische Justizminister Piet Hein Donner plötzlich die Wichtigkeit des Verbotes der „Gotteslästerung“ aufs Tapet gebracht.

Anders gesagt: Donner suggeriert, van Gogh habe sich alles selbst zuzuschreiben.

Van Goghs Lieblingsbezeichnung für einen radikalen Moslem war „geitenneuker“ (Ziegenficker). Darauf gekommen war er anscheinend durch ein Büchlein Ayatollah Khomeinis, der geschrieben haben soll, daß ein Moslem, wenn er Geschlechtsverkehr mit einem Kamel, einem Schaf oder einer Ziege gehabt habe, das Tier schlachten müsse und das Fleisch nicht in seinem eigenen Dorf verkaufen dürfe, wohl aber im Nachbardorf. Ich weiß nicht, ob diese Vorschrift wirklich Khomeinis Werken entnommen ist, doch van Gogh hielt sie für wahr.

1966 schrieb der niederländische Autor und gläubige Katholik Gerard Reve, er stelle sich vor, daß Gott ihm am Jüngsten Tag als Esel erscheinen werde. Er werde Ihn verstehen und gleich mit Ihm ins Bett gehen, nur werde er Ihm etwas um die Hufe wickeln, damit er nichts abbekomme, wenn Er auf dem Höhepunkt mit den Beinen strample.

Der Prozeß, der Reve daraufhin gemacht wurde, endete mit einem Freispruch. Drei Jahre später nahm Reve den wichtigsten Staatspreis für Literatur in Empfang.

In einem islamischen Land wäre ein Reve, der es gewagt hätte, Allah als Esel darzustellen, enthauptet worden. Ja, ich liebe Länder, die sich einen Reve leisten können.

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WELT 20.11.2004

(3) Ich bin ein Sinnbild dreckigen Unglaubens

Holländisches Tagebuch

von Leon de Winter

Vor noch gar nicht so langer Zeit fuhr ein Minister in den Niederlanden mit dem Fahrrad in sein Ministerium. Seit 9/11 und der Zerstörung der Unschuld sind diese Zeiten vorbei. Ja, hin und wieder herrschte in unseren gottlosen Gesellschaften Unschuld. Doch 9/11 lehrte uns, daß das eine Illusion war: Während sich in den neunziger Jahren viele von uns dem Wohlstandsrausch hingeben durften, hegten andere tiefsten Haß gegen uns. Ich wußte nicht, daß Mohammed Atta mich so sehr haßte. Der Schock von 9/11, der Schock, mit dem mir aufging, daß es Menschen gibt, die mich hassen und töten wollen, obwohl wir uns gar nicht kennen, ist bis heute nicht abgeklungen. In den Augen meiner Feinde bin ich, genau wie Theo van Gogh, Sinnbild dreckigen Unglaubens. Sie sehen in mir und meinen Kindern nicht mehr als Fleisch, das geschlachtet werden kann, weil ich ihrem Gott im Weg bin. Seit 9/11 ist mir ständig präsent, daß ich gehaßt werde, und es kostet mich Kraft, diesem Gedanken Tag für Tag sein Gewicht zu nehmen.

Gestern abend hatte meine Frau keine Lust zu kochen, und wir bestellten etwas zum Abholen bei einem thailändischen Restaurant in der Nähe. Es regnete in der schönen Stadt aus dem 17. Jahrhundert. Aber es war verkaufsoffener Donnerstag, und so bummelten trotz des Regens viele Menschen an den hellerleuchteten Schaufenstern entlang. Ich fuhr unter der funkelnden Weihnachtsbeleuchtung, die jetzt schon die Straßen überspannt, durch die schmalen Straßen voller reichausgestatteter Geschäfte. Und im Wageninneren erklang die Musik einer CD, die meine Frau gekauft hatte: Craig David, dieser Song mit Sting. Als er ein Hit war, hatte ich eigentlich nicht so darauf geachtet, aber jetzt wurde mir plötzlich bewußt, wie schön und rein dieser Popsong ist und wie großartig die Kultur, in der Menschen wie Sting und David ihren Sehnsüchten und Träumen Ausdruck verleihen können. Und während sich die Aromen des thailändischen Essens im Wagen ausbreiteten, überkam mich die Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit, und ich konnte mir die Tränen nicht verkneifen. Ich beginne, ein sentimentaler alter Narr zu werden.

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WELT 22.11.2004

(4) Versorgungsstaat = schlechter Staat

Holländisches Tagebuch (4) / Von Leon de Winter

von Leon de Winter

Letzten Samstag abend widmete einer unserer wichtigsten Fernsehsender, Nederland 1, dem derzeitigen Krisensumpf eine Notdebatte. Nach anderthalb Stunden uferlosen Geschwätzes konnten sich die neun namhaften Niederländer, fast alle anständige Politiker, nicht mehr aus dem Sumpf befreien und gingen langsam darin unter. Das war bezeichnend für die Ohnmacht der politischen Eliten.

Der Mord an Theo van Gogh hat drei separate, aber komplexe Probleme aneinandergekoppelt: die Grenzen der freien Meinungsäußerung, das Aufkommen des radikalen Islam und die mühsame Integration von Immigranten aus islamischen Ländern. Nur wenige halten diese drei Phänomene jetzt auseinander, der Mörder hat also erreicht, was er beabsichtigte: Es herrscht ein einziges Chaos. Einer der Hauptfaktoren für das Elend ist die Vorherrschaft des linken Medienestablishments. Das hat jahrzehntelang jeden Ansatz zu einer sachlichen Diskussion im Keim erstickt. Immigranten kamen aus unterdrückten Kulturen und wurden demzufolge in unserem Land zu unterdrückten Gruppen und Individuen – daß Ansprüche an sie gestellt werden müßten, ließ sich unmöglich vorbringen. In der genannten Fernsehdebatte kamen Muslime zu Wort, die die Sprache des linken Establishments sprachen: Der sozialdemokratische Versorgungsstaat könne alles lösen, meinten sie. Doch mittlerweile hat sich gezeigt, daß ein Versorgungsstaat, zumal der verschwenderische und liberale niederländische, ein schlechter Einwanderungsstaat ist. Von größerem Nutzen wäre Immigranten ein sparsamer Staat, in dem sie auf ihre eigene Kreativität und Flexibilität und ihr Anpassungsvermögen angewiesen wären. Jetzt aber können sie, als Braut oder Bräutigam kaum in den Niederlanden angekommen, türkisch oder arabisch abgefaßte Formulare ausfüllen, um Sozialhilfe zu beantragen und danach in ihrem eigenen subventionierten Getto zu verschwinden.

Jedem, der Augen im Kopf hat, war seit einigen Jahren klar, was kommen würde, doch die Grenzen der Diskussionen wurden unerbittlich von den linken Medien vorgegeben. Lieber linke Illusionen als rechte Wahrheiten, lautete ihre Devise. Bis Pim Fortuyn diese Illusionen zerschlug. Aber auch er ging in dem Sumpf unter.

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WELT 23.11.2004

(5) Islam heißt auf deutsch „Unterwerfung“

Holländisches Tagebuch

von Leon de Winter

Islam ist Frieden, verkündeten die Demonstranten in Köln. Wissen das auch die islamischen Milizen in Darfur? Und die islamischen Kopfabschneider in Algerien? Und die islamischen Mörder Daniel Pearls? Im Namen des Islam sind in den vergangenen Jahrzehnten entsetzlich viele Morde begangen worden, unendlich viel mehr als in der gesamten Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts. In Köln hätte also die Parole lauten müssen: Islam hat Frieden zu sein.

Die Übersetzung des arabischen Wortes Islam lautet nicht Frieden, sondern „Unterwerfung“, englisch Submission, wie der Film von Theo van Gogh und Ayaan Hirsi Ali heißt. Dieser Film war es, der in den Niederlanden zum Mord an Theo van Gogh geführt und die multikulturelle Senkgrube geöffnet hat. Dies ist die einfache Geschichte des Films: Eine gläubige Muslimin fleht Gott an, er möge helfen, die Gewalt und die Erniedrigungen zu beenden, die sie zu erleiden hat. Schockierend?

Van Gogh und Hirsi Ali haben sich dafür entschieden, hin und wieder etwas nackte Haut der Frau zu zeigen. Einmal sind unter einem durchsichtigen Kleid vage ihre nackten Brüste zu sehen – die ARD zeigt im Abendprogramm weit mehr Nacktheit. Aber Muslime waren erzürnt, weil man Korantexte auf einen Frauenkörper geschrieben hatte. Warum? Der Koran ist das Allerheiligste und somit unantastbar, ein Text, der schon vor Anbeginn der Zeiten existierte. Zu unterstellen, dieses Buch könnte vielleicht doch von Menschenhand, womöglich gar aus vorhandenen christlichen und jüdischen Mythen gemacht und im siebten und achten Jahrhundert nach Christus von einer revolutionären arabischen Bewegung implementiert worden sein, kommt einem Selbstmord gleich. Nicht nur radikale, sondern allem Anschein nach die meisten Muslime wollen von solchen Diskussionen nichts wissen. Wer in der arabisch-islamischen Welt den Koran als literarischen Text untersuchen möchte, darf sich eines frühen Todes gewiß sein.

Da heißt es, auf einen islamischen Dan Brown warten, der ein „Da Vinci Code“ über Mohammed schreiben kann, ohne gleich enthauptet zu werden. Darum geht es doch, oder?

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WELT 24.11.2004

(6) Die Ignoranz der Toleranz

Holländisches Tagebuch (6)

von Leon de Winter

Über Jahrhunderte hinweg haben wir in den Niederlanden das Poldermodell perfektioniert. Die Niederlande waren und sind ein Land von Minderheiten, das aus einem Zusammenwirken selbstbewußter Provinzen mit verschiedenen religiösen und wirtschaftlichen Interessen entstand. Bürger und Bauern konnten nur überleben, wenn sie, um keine nassen Füße zu bekommen, in den Poldern intensiv zusammenarbeiteten.

In diesem stets labilen Gleichgewicht konnten Nischen entstehen, in denen Fremde und Andersdenkende Unterschlupf fanden. Das nennen wir Toleranz, obwohl das arg nobel klingt. Vielleicht sollte man lieber „Gleichgültigkeit“ sagen. Aber auch Gleichgültigkeit läßt Fremde und andere gewähren.

Die niederländischen Eliten haben diese Eigenschaften im Laufe vieler Generationen verinnerlicht. Unsere Eliten sind fleischgewordene Poldermodellierer. Ihre Lebenshaltung und ihr Weltbild decken sich vollkommen mit den politischen Modellen, nach denen die Niederlande schon seit vier Jahrhunderten regiert werden. Und Stützpfeiler des Ganzen ist der individuelle Bürger. Von klein auf lernt er den komplizierten Balanceakt zwischen erlauben, verbieten und dulden. Der Niederländer ist ein traditionsbewußter Mensch, der genau weiß, wann er das Gesicht abwenden muß, um die Fremdheit des anderen nicht wahrzunehmen. Wohlgemerkt: Ich halte das für eine bewundernswerte Eigenschaft, die höchste Ansprüche an die Selbstdisziplin stellt.

Doch in den vergangenen 30 Jahren kamen große Gruppen islamischer Immigranten ins Land, die keinerlei Erfahrung mit einer solchen bürgerlichen Disziplin hatten und in deren Ursprungskultur die individualistische, kalvinistische Schuldkultur, der behutsame Umgang mit religiösen Gefühlen anderer und das Vermögen wegzuschauen keine Rolle spielten. Das waren keine religiösen oder politischen Flüchtlinge, wie die Niederlande sie seit Jahrhunderten kennen, sondern wirtschaftliche. Die Eliten waren nicht imstande, diese neuen Probleme zu erkennen. Nicht aus Feigheit oder bösem Willen. Sondern weil sie anständige Niederländer sind.

Das ist kurzgefaßt die ganze niederländische Tragödie.

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WELT 25.11.2004

(7) Warum nur dieser Haß, diese Rachegefühle?

Holländisches Tagebuch (7)

von Leon de Winter

Die Unruhe hält an. Gestern abend sagte ein zum Islam konvertierter Niederländer in einer Fernsehdebatte, er träume vom baldigen Ende Geert Wilders‘. Wilders ist politischer Freund Ayaan Hirsi Alis und wird wie sie mit dem Tode bedroht, so daß er seit Monaten jede Nacht in einem anderen Haus schläft. Wie viele niederländische Parlamentarier mit dem Tode bedroht und streng bewacht werden, ist nicht so ganz klar, aber ich schließe nicht aus, daß es sich um mindestens zehn Prozent des 150 Mitglieder zählenden Parlaments handelt.

Die Medien stürzten sich auf die Äußerungen des wahnsinnigen Muslims, und ich kann es ihnen nicht verübeln. Dieser Niederländer führte den blinden Fanatismus des leidenschaftlichen Bekehrten vor. Und dazu gehört offenbar der Wunsch nach Rache und Gewalt. Ich habe den Eindruck, daß viele niederländische Muslime diesen Wunsch teilen. Ein Imam, der der Integrationsministerin am vergangenen Wochenende nicht die Hand geben wollte, was in den Medien ebenfalls groß aufgemacht wurde, hielt nicht damit hinter dem Berg, daß er sich einen Scharia-Staat wünsche. Auf 99 Prozent aller Moscheen in den Niederlanden seien Brandanschläge verübt worden, erklärte er. Zählen kann er also auch nicht. Aber, wie ein PR-Genie mir einmal sagte, it’s the perception, stupid.

Ein Integrationsexperte, mit dem ich sprach, fragte sich, ob man nicht untersuchen sollte, welche Werte in islamischen Familien in der intimsten Privatsphäre gehegt werden: Wie tief sitzen Haß und Abscheu gegen Homosexuelle, Christen, Juden und die niederländische Gesellschaft? Für das niederländische Volk bleibt es eine bizarre Strafe: Aus fernen Ländern kamen Menschen hierher, um zu arbeiten oder Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen, und dann fühlen sich diese Menschen gedemütigt und entwickeln Rachephantasien.

Der Betreuer einer sehr beliebten Website für junge marokkanische Niederländer berichtete in einer Zeitung, daß die Beiträge zu der Site seit 9/11 und dem Tod Fortuyns und van Goghs immer radikaler geworden seien. War 9/11 ein Anschlag auf amerikanische Muslime? Waren Fortuyn und van Gogh Islamisten? Was ist es nur, was im Islam Rachegefühle bei den Gläubigen weckt?

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WELT 26.11.2004

(8) Nachdenken über den Staatsstreich

Holländisches Tagebuch (8)

von Leon de Winter

Staatsstreich in den Niederlanden? Henk Hofland, Nestor der niederländischen politischen Kommentatoren, zählte gestern im vornehmen „NRC-Handelsblad“ die Voraussetzungen auf: „Massenhafte tiefste Unzufriedenheit, große, unauflösbar scheinende Probleme mit der Wahrscheinlichkeit einer weiteren unheilvollen Eskalation; schwache Führung; aus den Kulissen auftauchende Kandidaten, die wie der vorherige versichern, eine Lösung parat zu haben.“

Ja, das trifft alles auf die Niederlande zu. Viele hatten schon Jahre, bevor Fortuyn auf der Bildfläche erschien, mit den Folgen der Immigration von Muslimen zu kämpfen, doch eine Diskussion darüber war tabu. Hofland selbst war einer der progressiven Hüter dieses Tabus. Nicht aus niederen Motiven, sondern aus dem Bedürfnis, Xenophobie zu unterbinden und Anstand zu wahren. Während die ursprünglichen Bewohner der alten Viertel in den großen Städten verwirrt nahöstliche Enklaven entstehen sahen, wollten die Eliten nur das Farbenfrohe an dieser Transformation wahrnehmen.

Die Niederlande haben die Immigration von Umsiedlern aus den früheren Kolonien verkraftet; die Immigration Hunderttausender aus Surinam, vor zehn Jahren noch ein großes gesellschaftliches Problem, könnte man sogar als Erfolgsgeschichte bezeichnen, obwohl damit südamerikanische Phänomene (Voodoo, Ein-Eltern-Familien) importiert wurden. Die Immigration von Muslimen brachte nordafrikanische und arabisch-islamische Phänomene zu uns, also auch den tiefen alten islamischen Haß auf die falschen Religionen von Juden und Christen, den Wunsch, Israel zu zerstören, und den Abscheu gegen den Westen im allgemeinen.

Die Eliten wollten den Blick nur auf die sozioökonomischen Probleme richten. Deren religiöse und kulturelle Werte und Normen standen außer Diskussion. Doch die Radikalisierung von Mohammed B., dem Mörder van Goghs, läßt sich nicht sozioökonomisch erklären. Er hatte Zeugnisse und Chancen. Er ist ein Produkt der globalen Radikalisierung des Islam. Meinungsbildner wie Hofland wollten das nicht einsehen.

Ist ein Staatsstreich denkbar? Nein. Aber es spricht für sich, daß wir überhaupt über so etwas nachdenken.

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WELT 27.11.2004

(9) Ein Glas Wein auf Theo van Gogh

Holländisches Tagebuch (9)

von Leon de Winter

Ich hatte mir einmal vorgenommen, ein gutes Glas Wein auf die Nachricht vom Tode Theo van Goghs zu trinken. Für mich war er von jeher ein widerlicher Mensch. Sein erster Angriff gegen mich datiert vom September 1984. Damals verteilte er beim Niederländischen Filmfestival ein Blättchen mit einem Artikel, in dem er mich verbal niederzumachen suchte. Und seither verfolgte er mich und meine Frau mit seinem Gehetze.

So etwas kann stark machen, will ich mal sagen. Ich immunisierte mich gegen seine Attacken, aber ab und zu durchbrachen sie leider doch den Schutzpanzer. Etwa als er in einem viel gelesenen Amsterdamer Studentenblatt schrieb, meine Frau und ich könnten erst miteinander schlafen, wenn sie Stacheldraht um meinen Penis gewickelt hätte. Und ich würde dann auf dem Höhepunkt „Auschwitz! Auschwitz!“ rufen. Der Vater meiner Frau hatte Auschwitz überlebt.

Faszinierend bei solchen Angriffen ist das tiefe Schweigen im Umfeld. In der Redaktion des Studentenblatts war keinem aufgefallen, was van Gogh anrichtete. Beistand kam in all den Jahren praktisch nur von Juden; Kollegen blieben bis auf wenige Ausnahmen stumm. So hat van Gogh bei mir einen Hang verstärkt, den ich schon von Natur aus hatte: Ich habe mich seit seinen ersten Injurien aus literarischen und cineastischen Kreisen zurückgezogen.

Bei seinem ersten Angriff warf van Gogh mir vor, ich würde meine „jüdische Identität ausbeuten“. Drei Jahre zuvor hatte ich eine Novelle geschrieben, die von meiner Familiengeschichte inspiriert war. Das Buch hatte gute Kritiken bekommen und war Vorlage für einen sehr schönen Film geworden. Dieser Film, zu dem ich das Skript geschrieben hatte, störte van Gogh, glaube ich, denn er drohte beim Filmfestival größere Beachtung zu finden als sein eigener. Aber ich weiß es nicht genau. Ich bin van Gogh nie begegnet, ich habe ihn immer gemieden.

Seinen Tod feiern kann ich nicht. Ich habe ihm diesen Tod nie gewünscht. Er ist jetzt berühmt, berühmter, als er es je als Filmemacher oder Kolumnist hätte werden können, und das hat er immer gewollt. Und ich schreibe über ihn – ohne Erleichterung.

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WELT 29.11.2004

(10) Der Verlust der politischen Anstandsregeln

Holländisches Tagebuch (10) / Von Leon de Winter

von Leon de Winter

„Wenn einer Krebs verdient hat, dann Paul Rosenmöller, der Anführer der politisch korrekten Niederlande; mögen sich die Zellen in seinem Kopf zu einem triumphalen Tumor ausbilden … Laßt uns auf sein Grab pissen.“ Das schrieb Theo van Gogh 2001 über den Politiker Paul Rosenmöller, damals Chef der niederländischen Grünen.

Im Ausland und sogar bei uns denken viele, van Gogh sei ein glorreiches Beispiel für die vorbildlich tolerante niederländische Gesellschaft gewesen. Das war er nicht. Er war ein Paradebeispiel für die Pervertierung des freien Wortes. Seine Tiraden waren verbaler Terrorismus. Um eine Debatte ging es ihm nicht – worüber hätte er auch mit mir debattieren sollen? Nein, er benutzte gezielt altbekannte antisemitische Argumente, um mich damit mundtot zu machen. Etwa, daß ich sogar aus meiner Familiengeschichte Profit zu schlagen versuchte. Wie viele Autoren machen Gebrauch von ihrer Familiengeschichte? Warum sollte mir das verwehrt sein? In den Niederlanden sind Anstandsregeln in der politischen Debatte praktisch passé. Das haben wir zu einem großen Teil Theo van Gogh zu verdanken. Mit öffentlicher Zurückhaltung und gesellschaftlicher Heuchelei, zwei Prämissen für ein pflegliches Miteinander, hat er gründlich aufgeräumt. Er wollte sagen, was er dachte, genau wie Pim Fortuyn. Das ist pubertär und sozial gefährlich. Van Gogh hat Schule gemacht. Unlängst sah ich im Fernsehen einen bekannten Kabarettisten über die aus Somalia – wo es Frauenbeschneidung gibt – stammende Parlamentarierin Ayaan Hirsi Ali frotzeln: „Ayaan, die ist beschnitten!“ Das Publikum lachte laut. Und Wouter Bos, Fraktionsführer der Sozialdemokraten, der in der Sendung zu Gast war, kicherte mit.

Zufällig saßen meine Frau und ich mit Ayaan zusammen vor dem Bildschirm. Sie verging fast vor Scham und Kummer. Meine Frau und ich schrieben einen wütenden Artikel im „NRC Handelsblad“. Doch jedermann fand, daß wir übertrieben. Daß wir kleinliche Moralapostel seien. Alles müsse gehen.

Nach seinem Tod wird van Gogh zum liberalen Helden, der er nicht war. Ein Glaubensfanatiker hat einen krankhaften Provokateur ermordet. Das ist alles irrsinnig vertrackt.

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WELT 30.11.2004

(11) Die Unterlegenheit der Muslime

Holländisches Tagebuch (11) / Von Leon de Winter

von Leon de Winter

In den vergangenen Wochen haben manche Muslime Israel als eines der großen Probleme für die Muslime in den Niederlanden hingestellt. Marokkanische Jugendliche identifizierten sich nämlich stark mit dem Schicksal der Palästinenser.

Das taten marokkanisch-niederländische Intellektuelle gestern abend im Fernsehen auch. Und bevor sie sich weiter äußerten, mußten sie klarstellen, daß sie die Parlamentarierin Ayaan Hirsi Ali verabscheuten. Was hat sie ihnen getan? Zunächst hat sie erklärt, keine gläubige Muslimin mehr zu sein. Dann hat sie die in manchen islamischen Ländern gängige Beschneidung von Frauen angeprangert. Und drittens behauptet sie, in islamischen Familien komme sehr viel Gewalt vor. Weil sie das alles an die Öffentlichkeit gebracht hat, wird sie gehaßt. Und mit dem Tode bedroht. Und ist seit der Ermordung Theo van Goghs nicht mehr im Parlament gewesen, weil die Behörden offenbar nicht für ihre Sicherheit garantieren können.

In der Welt vieler Muslime ist für eine Ayaan kein Platz. Sie zeigt Probleme im „real existierenden“ Islam auf und begnügt sich nicht damit, alles Übel in der islamischen Welt den Juden vorzuwerfen. Ayaan hat eine andere Botschaft: Die Muslime selbst sind schuld, so, wie sie mit ihrer Religion Leben, Selbstkritik und Introspektion ausklammern und sich der Verantwortung für ihre eigenen Probleme entziehen. Konservative Muslime erklären ihre sozioökonomische Unterlegenheit in den Niederlanden und der Welt mit den satanischen Praktiken von Nichtmuslimen. In dem Brief, den Mohammed B. mit einem Messer auf dem Leichnam van Goghs hinterließ, erklärte er, in den Niederlanden seien die Juden an der Macht.

Unter den ersten marokkanischen Immigranten waren viele Analphabeten. Sie heirateten Analphabeten und holten auch sie in die Niederlande. Eine Tradition des Lernens, des Individualismus, der zunehmenden Säkularisierung kannten sie nicht. Viele von ihnen sind heute arbeitslos und haben einen niedrigen gesellschaftlichen Status. Schuld aber sind die Juden. Und Israel natürlich.

Bei einer Demonstration gestern in Amsterdam riefen junge Muslime: „Tod den Juden“.

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WELT 1.12.2004

(12) „Kämpft gegen die Ungläubigen“

Holländisches Tagebuch (12) / Von Leon de Winter

„Es ist die Unkenntnis des Islam, die die Ängste nährt. Es ist an uns, ihn besser kennenzulernen und die Hirngespinste zu zerstreuen“, schrieb Nicolas Sarkozy gestern in dieser Zeitung.

Ich schlage aufs Geratewohl den Koran auf.

Sure 8, 39: „Und kämpft gegen sie [die Ungläubigen], damit keine Verführung mehr stattfinden kann und bis sämtliche Verehrung auf Allah allein gerichtet ist.“

Sure 9, 14-15: „Bekämpft sie [die Ungläubigen]; so wird Allah sie durch eure Hand bestrafen und demütigen und euch gegen sie helfen und den Herzen eines gläubigen Volkes Heilung bringen; und Er wird die Wut aus ihren Herzen bannen.“

Sure 9, 29: „Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Allah und den Jüngsten Tag glauben und die das nicht für verboten erklären, was Allah und Sein Gesandter für verboten erklärt haben, und die nicht dem wahren Glauben folgen – von denen, die die Schrift erhalten haben, bis sie eigenhändig den Tribut in voller Unterwerfung entrichten.“

Der Koran enthält zahllose Verweise auf den gewaltsamen Kampf gegen Anders- und Ungläubige, und viele Millionen Muslime fassen das leider wörtlich auf. Wissen wir zuwenig, wie Sarkozy behauptet? Europäische Buchhandlungen quellen über von Studien zu Mohammed und dem Islam, und nichtislamische Europäer dürften sehr viel mehr über den Islam wissen als Muslime über Christen- oder Judentum.

Die völlige Unkenntnis ihres neuen kulturellen und religiösen Umfelds ist eines der großen Probleme von Muslimen in Europa. Wenn ich nach Neu-Delhi ziehen wollte, würde ich mich in den Hinduismus vertiefen. Warum dürfen wir diese Haltung nicht von unseren islamischen Immigranten verlangen? Oder verbieten sich Muslime die vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit Christen- oder Judentum, da ihr heiliges Buch diese Religionen aufs heftigste attackiert, beleidigt und verspottet?

Gestern sprach ich kurz mit Ayaan Hirsi Ali. Notgedrungen hält sie sich nur noch im Schutz von Sicherheitsleuten und innerhalb der vier Wände auf, weil sie nach den Regeln der „religion of peace“ eine zu tötende Abtrünnige ist. Es ist nicht die Unkenntnis, die die Ängste nährt, sondern das Wissen.

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WELT 2.12.2004

(13) Ayaan Hirsi Ali schlägt sich durch

Holländisches Tagebuch (13)

von Leon de Winter

Gestern habe ich Ayaan Hirsi Ali gesprochen. Sie lebt seit zwei Jahren unter schwerer Bewachung und muß sich nach dem Mord an Theo van Gogh nun auch an unbekannten Orten aufhalten, so hoch schätzen die Sicherheitsdienste die Gefahr für ihr Leben ein. Ich habe sie nicht gefragt, wo sie gerade war. Ich wollte wissen, wie es ihr geht, was sie in der Isolation den ganzen Tag macht, welche Pläne sie hat, und ich fragte mich, ob ich die Charakterstärke hätte, mein persönliches Leben einer leidenschaftlichen Mission zu opfern.

Ich fürchte, ich würde aufgeben, wenn ich an dem Punkt wäre, an dem Ayaan jetzt ist. Sie hätte gern Kinder, würde gern wie alle anderen Bürger in unserer freien Gesellschaft leben, sagte sie vor einer Weile, doch radikale Muslime machen ihr das unmöglich. Sie ist eine Abtrünnige, eine Frau zudem, die gegen jeden Gruppenkodex verstoßen hat. Viele von uns im freien, zivilisierten Westen können den tiefen Haß gegen sie schwer verstehen. Aber ihre Revolte gegen die religiöse Kultur, mit der sie aufgewachsen ist, erschüttert das Weltbild radikaler Männer in seinen Grundfesten. Und deren einzige Schlußfolgerung ist: Sie muß sterben.

Ich darf nicht sagen, wie der Kontakt zu Ayaan zustande kam, und ich möchte nicht sagen, welchen Inhalt unser Gespräch hatte. Es dauerte eine halbe Stunde. Und mit wachsender Wut dachte ich die ganze Zeit: Ein Mitglied des niederländischen Parlaments muß sich im Jahre 2004 vor Glaubensfanatikern verstecken, kann nicht normal mit der Außenwelt kommunizieren, wird von vielen im eigenen Land beargwöhnt, hat das Recht auf ein normales Dasein verloren. Und wir gehen einfach zur Tagesordnung über. Im niederländischen Parlament ist keiner auf die Idee gekommen, sichtbar zu zählen, wie lange Ayaan jetzt schon fernbleiben muß; im Parlament sollte auf einer großen Tafel die Zahl der Tage angezeigt werden, die diese Schande nun schon währt.

Ayaan schlägt sich durch. Ich schaff‘ das schon, sagt sie immer, ich komme aus einem Bürgerkriegsland und habe Schlimmeres mitgemacht. Wir haben ihr keine Ruhe und Sicherheit geben können.

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WELT 3.12.2004

(14) „Ich bin gegen diesen Mord, aber …“

Holländisches Tagesbuch (14) / Von Leon de Winter

Zwei Schriftstellerkollegen baten unser Staatsoberhaupt, Königin Beatrix, in einem Brief um eine Geste gegenüber Ayaan Hirsi Ali, die irgendwo auf der Welt untergetaucht ist, weil böse Muslime sie ermorden wollen. Unser Staatssystem verbietet es der Königin, persönlich auf solche Gesuche zu reagieren, aber der Ministerpräsident kann. Er antwortete, die Königin sei unparteiisch und dürfe sich daher nicht mit Ayaan zusammen ablichten lassen.

Kurioserweise hat die Königin auf die Ermordung Theo van Goghs durch einen muslimischen Fanatiker mit dem Besuch eines Nachbarschaftszentrums für Marokkaner und Türken reagiert, wo sie sich mit Muslimen fotografieren ließ. Van Gogh die letzte Ehre erwiesen hat sie nicht, und ein Foto mit Ayaan Hirsi Ali ist nicht erlaubt.

Was dieser Besuch der Königin ausdrücken sollte, ist klar: Nicht alle Muslime sind Mörder. Wissen wir. Aber wir wollen, daß alle niederländischen Muslime den Mord verurteilen. Denn allzuoft bleibt es bei einem: „Ja, natürlich bin ich gegen diesen Mord, aber …“ Dieses aber stört mich, das darf nicht sein. Für diesen Mord gibt es keine mildernden Umstände, so lästerlich und pervers Theo van Gogh auch gewesen sein mag. Ein Foto, das unser Staatsoberhaupt stolz neben Ayaan zeigte, könnte für uns ein wichtiges Signal sein: Unsere Demokratie bietet radikalen Muslimen die Stirn. Doch die politischen Spitzen trauen sich nicht, dieses Signal zu geben. Sie schweigen und hoffen, die Probleme lösen sich von allein. Das Foto ist vorerst ohnehin nicht drin, denn die Königin hat jetzt alle Hände voll mit dem Begräbnis ihres Vaters zu tun. Ein „Schlingel“ und „lockerer Vogel“ wird Prinz Bernhard in den Medien liebevoll genannt. Und die Niederlande haben im Moment etwas von einem arabischen oder früheren Ostblockstaat, so sehr muß man zwischen den Zeilen lesen. Ich werde das hier nicht vorführen. Es genügt mir, daß ich vor zwei Jahren eine Zeitlang zum Paria wurde, weil ich etwas Unschönes über unser Königshaus geschrieben hatte. Ich habe den Prinzgemahl sehr gemocht und hoffe, daß auch seine unehelichen Kinder seinem Begräbnis beiwohnen dürfen.

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WELT 4.12.2004

(15) „Der Islam – in reinster Form lebensgefährlich“

Holländisches Tagebuch (15)

von Leon de Winter

Prinz Bernhard hat zugegeben (in einem Interview, das erst nach seinem Tod veröffentlicht werden durfte), daß er doch korrupt war, obwohl er das jahrzehntelang geleugnet hat. Am Bild, das viele von ihm haben – Narr, Schwindler, Charmeur, Ehebrecher, Opportunist, treuer Freund, Alkoholiker, Naturliebhaber, Schürzen- und Großwildjäger – ändert das wenig. Man liebte oder haßte ihn. Diplomatisch ausgedrückt: Ich fand immer, daß unser Königshaus einen solchen Mann verdiente.

Doch die Sturzflut der Artikel und Fernsehsendungen über ihn kann den neuesten Wirbel um Ayaan Hirsi Ali nicht aufheben. Letzten Montag erklärte sie in einem Interview im „NRC Handelsblad“, sie wolle eine Fortsetzung zu ihrem umstrittenen Film „Submission“ drehen, und es sei ihre eigene Entscheidung gewesen, jetzt unterzutauchen. Politiker und Leserbriefschreiber fragen sich nun laut, warum Ayaan, gewählte Parlamentarierin, irgendwo in aller Seelenruhe einen Film schreibt, wenn sie doch ihrer Tätigkeit im Parlament nachgehen könnte.

Aber sie hat sich nicht freiwillig eine Auszeit genommen. Sie wurde dazu gezwungen. Zwar betonen führende Politiker ständig, daß es Ayaans eigene Entscheidung gewesen sei, und das sagte sie ja auch selbst in dem Interview, doch die Wirklichkeit ist komplizierter, wie sie mir letzten Montag erzählte. Die für ihre Sicherheit Verantwortlichen wagen nämlich nicht, für ihre und die Sicherheit ihrer Umgebung (also auch des Parlaments, wenn sie dort ist) zu garantieren; insofern mußte sie sich für ihr jetziges Leben entscheiden. Und das zieht Mißverständnisse und Kritik nach sich.

Aber sie kann nichts nuancieren. Sie ist größtenteils von der Außenwelt abgeschnitten, weil sich der niederländische Staat vor muslimischen Fanatikern fürchtet. In dem Interview sagte Ayaan, daß der Islam „in seiner reinsten Form lebensgefährlich ist“. Stimmt das, dann müssen wir stringente Maßnahmen ergreifen. Stimmt es nicht, sagt Ayaan also die Unwahrheit, dann braucht sie keinen Sicherheitsschutz, dann ist der Islam eine Friedensreligion, und Muslime würden so eine Irre niemals ermorden wollen. Und nun entscheiden Sie!

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WELT 6.12.2004

(16) „Es geht um die Freiheit der Religionskritik“

Holländisches Tagebuch (16) / Von Leon de Winter

von Leon de Winter

Bin ich islamophob? Ich habe Vorbehalte gegen den Islam, wie ich auch Vorbehalte gegen das Christentum und das Judentum habe, Offenbarungsmythologien, die in ihrer orthodoxesten Form eine Endzeit, eine Apokalypse kennen, auf die sich die Menschheit zu bewege. Und die meisten radikalen und fundamentalistischen Gläubigen meinen, sie könnten diesen Prozeß durch Gebete und Taten beschleunigen.

Ich kann das Judentum kritisieren, ohne daß Juden beschließen, mich umzubringen. Dan Brown hat mit einem antikatholischen Unterhaltungsroman eine ganze Industrie in Gang gebracht. Aber Muslime riskieren ihr Leben, wenn sie grundsätzliche Kritik an ihrer Religion üben. Ayaan Hirsi Ali bemerkte vor zwei Jahren, nach modernen Maßstäben sei Mohammed als pädophil zu bezeichnen, weil er ein neunjähriges Mädchen zur Frau nahm. Wohlgemerkt, sie sagte: „nach modernen Maßstäben“. Seither muß sie sich von Bodyguards schützen lassen. Ich bezweifle, daß Dan Brown untergetaucht ist und um sein Leben fürchten muß, weil orthodoxe Katholiken einen Preis auf seinen Kopf ausgesetzt haben.

Anders gesagt: Es geht um die Freiheit der Religionskritik, und solange der Islam, so unterschiedlich er auch von Land zu Land praktiziert wird, sie nicht zugestehen kann, bleiben die Völker, deren Wertesystem auf dieser Religion gründet, von der Modernität ausgeklammert. Das wäre kein Problem, wenn Muslime in der Mehrzahl mit ihrem Leben und ihren Gesellschaftsformen zufrieden wären und Hoffnung und Vertrauen aus der Ausübung ihrer Religion bezögen. Doch leider sehen viele mit scheelen Blicken, welche Freiheit und welchen Wohlstand die Modernität einem Großteil der Welt beschert. Und die Schuld für ihren Rückstand müssen sie natürlich außerhalb von Kultur, Tradition und Religion suchen, da Selbstkritik und Selbstanalyse tabu sind, wie das Verbot der Korankritik zeigt.

Trotzdem fordern liberale Muslime, vor allem in Europa, jetzt vereinzelt das Recht auf Kritik an ihrer Religion. Sie wollen nicht länger die Augen vor den menschenunwürdigen Aspekten ihres religiösen Wertesystems verschließen. Wenn ich islamophob bin, sind sie es auch.

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WELT 7.12.2004

(17) Der ironische Onkel Otto und der liebe Gott

Holländisches Tagebuch (17) / Von Leon de Winter

von Leon de Winter

Wer die niederländische Seele verstehen will, muß Sinterklaas (Nikolaus) mitmachen. Aus dem Kinderfest ist bei uns ein ausgewachsenes Ritual geworden. Ein großer Teil der Bevölkerung schenkt sich am 5. Dezember etwas. Doch das ist nur ein Teil des Rituals. Wichtiger ist das Gedicht. Zu jedem Geschenk gehört ein Gedicht, in dem der Schenker den Beschenkten auf die Schippe nimmt. Es darf natürlich auch ernst und liebevoll sein, aber besser ist Ironie, mit einem Hauch Sarkasmus. Und es muß sich reimen.

In der ersten Dezemberwoche widmet sich das ganze Land dem Gedichteschreiben. Daß der ursprüngliche Anlaß für das Fest der Geburtstag eines mythischen Bischofs war, ist unerheblich. Am „pakjesavond“ (Päckchenabend) stellt ein jeder unter Beweis, daß er kreativ und ironisch sein kann.

Immigranten aus islamischen Ländern haben Probleme damit. Ironie verwirrt sie. Und der weißbärtige Mann auf dem Schimmel, ausstaffiert mit Mitra und Bischofsstab, beschwichtigt ihren Argwohn auch nicht gerade. Warum sollten sie einem Katholiken zujubeln? Eine Rotterdamer Schule mit hohem Anteil an muslimischen Schülern läßt Eltern bei der Einschulung einen Vertrag unterzeichnen, mit dem sie sich verpflichten, ihre Kinder an Sinterklaas teilnehmen zu lassen.

Für ein kleines Kind ist das Sinterklaas-Fest anfangs mit absoluter Anbetung gepaart. Jahrelang glaubt es inbrünstig an die Allmacht des „guten heiligen Mannes“, der mindestens so mächtig und einflußreich ist wie Gott, nein, der Gott ist. Bis das Kind mit acht oder neun zu durchschauen beginnt, daß Sinterklaas eigentlich Onkel Otto ist, der sich einen Bart angeklebt und ein Kleid angezogen hat und wie immer nach Schnaps stinkt. Die darauffolgende Desillusionierung ist symptomatisch für den Lebenslauf der nüchternen Niederlande.

Ich kann mir vorstellen, daß islamische Eltern Probleme mit diesem Fest haben: Am Anfang steht heidnische Idolatrie, am Ende Skepsis gegenüber jeglichem Glauben. Doch wer die Niederlande verstehen will, muß wissen: Früher oder später entdeckt jedes Kind, daß sich Onkel Otto als Gott ausgegeben hat. Und darüber lacht es obendrein.

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WELT 8.12.2004

(18) Zu weit gehen, um anzukommen

Holländisches Tagebuch (18)

von Leon de Winter

Ich habe Reaktionen auf mein Tagebuch erhalten, daß ich darin zu weit ginge. Wirklich?

Lassen Sie mich aus einer meiner Quellen zitieren. Im Wissenschaftsmagazin „Nature“ vom 18.11.2004 steht ein Artikel zweier prominenter Pakistanis, die zu „aufgeklärter Mäßigung“ aufrufen. Sie möchten, daß islamische Nationen zur Entwicklung moderner Wissenschaften beitragen: „In vielen [islamischen] Ländern ist die Gruppe der Wissenschaftler winzig klein und der gesetzliche Rahmen für Erneuerung inexistent. Nur zwei Wissenschaftler aus islamischen Staaten haben je einen Nobelpreis gewonnen … Beide forschten außerhalb islamischer Länder. … Ihre Wirtschaft [die der islamischen Länder] zählt generell zu den ärmsten der Welt und der Anteil an Analphabeten zu den höchsten.“

Gehe ich zu weit, wenn ich solche Beobachtungen übernehme? Und gehe ich zu weit, wenn ich kritisiere, daß auch diese Autoren politisch taktieren müssen, ehe sie ihre bittere Botschaft verkünden können: „Aufgrund der Sicherheitslage in der Welt ist ein falsches Bild vom Islam entstanden, nämlich das einer Religion der Intoleranz, des Aktivismus und Terrorismus. Islam wird zu Unrecht mit Fundamentalismus, Fundamentalismus mit Extremismus und Extremismus mit Terrorismus assoziiert.“ Gehe ich zu weit, wenn ich sehe, daß sie im folgenden implizit einräumen, daß diese Sicht nicht ganz unberechtigt ist: „Wird Konfrontation [mit dem Westen] und politischer Aktivismus uns unsere glorreiche Vergangenheit zurückbringen? Nein. Wir müssen den aufgeklärten Weg hin zur Entwicklung menschlicher Hilfsquellen gehen und uns der Probleme Armut, Ausbildung, Gesundheit und soziale Gerechtigkeit annehmen. Wir müssen die Konfrontationspolitik aufgeben, zugunsten von Mäßigung, Versöhnlichkeit und individueller Freiheit. Es ist Zeit für eine Renaissance der Umma [islamische Weltgemeinschaft].“

Die Verfasser dieser Sätze sind mutig, denn sie rühren an die Wahrheit. Wir sollten sie darin unterstützen, und sei es nur aus Eigennutz. Ich glaube, ich rühre auch an die Wahrheit, wenn ich „zu weit gehe“, und daher bleibe ich bei den Thesen, die ich hier aufstelle.

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WELT 9.12.2004

(19) Fundamentalismus der Ignoranten

Holländisches Tagebuch (19) / Von Leon de Winter

von Leon de Winter

Die politisch korrekten Niederlande scheinen sich vom Mord an Theo van Gogh erholt zu haben. Immer öfter wird Ayaan Hirsi Ali in den Medien „Aufklärungsfundamentalistin“ genannt – und mit „Fundamentalistin“ in die Ecke der radikalen Dummschwätzer gerückt, als ließe sich die Aufklärung, für die sie eintritt, im entferntesten mit dem politischen Islam vergleichen, der ihr nach dem Leben trachtet. Auch Geert Wilders, der Parlamentarier, mit dem sie häufig zusammen auftrat, als er noch wie sie bei den konservativen Liberalen war (jetzt bildet er im Parlament eine Ein-Mann-Fraktion), ist zur Zielscheibe heftiger Angriffe geworden. Wilders gab gestern bekannt, er werde das Parlament meiden, da er sich dort nicht sicher genug fühle. Das niederländische Parlament hat nun also noch 148 von 150 Mitgliedern.

Seit Wochen rufe ich, daß hier etwas faul ist. Der Parlamentsvorsitzende nannte meine Äußerungen „undurchdacht und dumm“. Tja, wenn es das ist, was jemanden auszeichnet, der nicht hinnehmen mag, daß ein Terrorist mit Terrorismus zum Ziel gelangt, fühle ich mich geehrt. Ich habe Wilders angerufen und gefragt, was los sei. „Es ist unbeschreiblich“, antwortete er. Er versucht, eine neue konservative Partei aufzubauen. Laut Umfragen könnte sie, wenn jetzt Wahlen wären, zu einer der stärksten des Landes werden, Wilders‘ Popularität grenzt an die Pim Fortuyns, doch für die Sicherheit derer, die gern auf seiner Kandidatenliste stünden, kann er nicht garantieren. Und die Behörden tun nichts. Die können nicht einmal Wilders selbst im Parlament schützen. Daher taucht er jetzt unter.

Der Parlamentsvorsitzende behauptet weiterhin, Ayaan könnte problemlos ins Parlament zurückkehren. Ayaan hätte nach dem Mord an van Gogh nur ein wenig Ruhe gewollt, sagt er. Meine Frau hat Ayaan gestern gesprochen. Sie selbst sagt etwas anderes. Unsere Politiker lügen, und politisch korrekten Niederländern ist das recht. Alles, bloß nicht die Wahrheit. Obwohl: An Prinz Bernhards kleinen Geheimnissen ergötzt sich das Land. Aber für mich ist er ein Feigling. Daß er korrupt war, gesteht er erst nach seinem Tod. Unser Held.

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WELT 10.12.2004

(20) Der Graben wird immer tiefer

Holländisches Tagebuch (20)

von Leon de Winter

Gestern abend war ich bei Freunden in Amsterdam zum Essen. In ihrem Grachtenpalais, vor langer Zeit für ’n Apfel und ’n Ei gekauft und jetzt Millionen wert, unterhielten wir uns zwischen Marmorwänden, unter einem Deckengemälde mit Engeln und mit Blick auf die hell erleuchteten Häuser auf der anderen Seite des Wassers über „DIE SITUATION“. So beginnen wir die heutige Krise zu nennen. Die gestern abend versammelten Freunde haben es alle zu etwas gebracht. Sie sind Architekt oder Anwalt oder haben ein gutgehendes Werbebüro. Sie sind gemäßigte und liberale Bürger. Jetzt fühlen sie sich vom politischen Establishment im Stich gelassen, sogar der, der selbst Teilzeitpolitiker ist.

Keiner meiner Freunde ist xenophob. Einer hat sogar einen Großteil seines Lebens der Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern in Afrika und Lateinamerika gewidmet. Aber auch er fragte sich, ob es bei uns keine Politiker gebe, die „hart durchzugreifen“ wagten. Keinem von uns war nach einem Führer. Wir wollen zwar klare Grenzen, aber Führer wollen wir nicht. Und stundenlang sprachen wir darüber, wie wir unsere Toleranz gegen Intoleranz verteidigen können, ohne die Toleranz aufzugeben – eine Lösung fanden wir nicht. Verbitterte alte Männer würden wir dennoch nicht werden, beteuerten wir uns gegenseitig.

Ein anderer Freund, Exil-Iraner und in den Niederlanden zum bekannten Kolumnisten geworden, bat mich, zu Hause einen Blick auf seine neueste Kolumne zu werfen. Es war ein heftiger Angriff auf Politiker, die sich vor der Verantwortung drücken, weil sie Angst vor einer Polarisierung haben. Doch „die Situation“ ist bereits polarisiert, und der Graben zwischen Bürgern und Politikern wird immer größer. Wenn die Europapolitiker nächste Woche den zukünftigen Beitritt der Türkei zur EU unterstützen, wird dieser Graben beängstigende Ausmaße annehmen.

Als ich unten die Lichter ausmachte, sah ich, daß unser Haus von Nebel eingehüllt war. Ich deckte meine träumenden Kinder zu, die sich bloßgestrampelt hatten. Meine Frau war noch wach, im Schlafzimmer hörte ich den Fernseher. Bevor ich zu ihr ging, schaltete ich die Alarmanlage ein.

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WELT 11.12.2004

(21) Weil die Flut steigt

Holländisches Tagebuch (21)

von Leon de Winter

Dies ist ein Tagebuch, und in einem Tagebuch soll man offen und ehrlich sein. Lege ich also alle Karten auf den Tisch? Nein. Jetzt denken Sie: Ach, der de Winter tut nur so geheimnisvoll, weil er durchblicken lassen will, daß er wer weiß wie wichtig ist und ganz besondere, konspirative Kontakte hat. Stimmt nicht. Ich würde gern detaillierter über Ayaan Hirsi Ali und Geert Wilders berichten, doch deren Sicherheit steht auf dem Spiel, und daher muß ich, was das betrifft, den Mund halten. Doch daran, daß sie dem Parlament fernbleiben müssen, ist etwas faul. Warum darf Ayaan nicht telefonieren, wann sie will? Warum darf sie keine E-Mails empfangen?

Ich schrieb ja bereits, wie sehr es mich befremdet, daß Ayaan Hirsi Ali und Geert Wilders, zwei bekannte Parlamentarier, aus Sicherheitsgründen nicht ihrer Arbeit nachgehen können. Davon war in den niederländischen Medien gestern überall die Rede, weil Wilders selbst zum Angriff übergegangen ist. Der Justizminister hatte Wilders‘ Bitte um Schutz für die potentiellen Kandidaten seiner neuen Partei mit der Bemerkung abgelehnt, Polizeischutz sei ja schon fast zum „Statussymbol“ geworden. Wilders schrieb daraufhin in einer Anfrage ans Parlament: „Hat der Justizminister schon einmal erlebt, wie es ist, auf Dauer Personenschutz in Anspruch nehmen zu müssen, nicht zu Hause schlafen zu können, sondern sich an verschiedenen geheimen Orten aufhalten zu müssen, ständig von vielen Sicherheitsleuten umgeben zu sein und Treffen mit Anhängern – soweit überhaupt möglich – heimlich in Hotelzimmern irgendwo im Land verabreden zu müssen? Glaubt der Minister tatsächlich, das erhöhte den Status?“

Im Verhältnis gesehen, waren die Morde an Pim Fortuyn und Theo van Gogh kleine Zwischenfälle. Täglich sterben mehr Menschen im Straßenverkehr. Aber man kann einen offenen Rechtsstaat mit solchen Mitteln zersetzen. Zwei Parlamentarier sind praktisch mundtot gemacht worden. Und die brave niederländische Gesellschaft weiß nicht, wie sie zurückschlagen soll. Die Deiche des Poldermodells sind undicht, doch wir reden immer noch darüber, welches Loch wir mit welchem Finger zuhalten sollen.

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WELT 13.12.2004

(22) Lieber schlampig als im Heilsstaat

Holländisches Tagebuch (22) / Von Leon de Winter

von Leon de Winter

Am Samstag meldeten die niederländischen Medien, daß Terroristen geplant hätten, die Wallen, den Amsterdamer Rotlichtbezirk, in die Luft zu sprengen. Das heruntergekommene Viertel, seit Jahren in der Hand der jugoslawischen Mafia, ist eine der größten Touristenattraktionen der Stadt.

Der normale Niederländer hat in diesem Viertel nichts verloren. Hin und wieder muß man mal zu Fuß oder auf dem Fahrrad hindurch, weil man keinen Umweg machen will. Immer ist in diesem Viertel eine latente Bedrohung spürbar, als würden Kriminelle hier den Ton angeben und einen bestimmten Geruch ausdünsten, der einem aufs Gemüt schlägt. Alle paar Meter wird einem XTC oder Koks angeboten. Die meisten Leute, denen man hier begegnet, sind des Niederländischen nicht mächtig. Hier, wo im 17. Jahrhundert mächtige Überseeschiffe ihre Ladungen löschten, ist heute der Arsch der Niederlande. Wenn Sie mir vor ein paar Jahren gesagt hätten, daß ich einmal in einer deutschen Zeitung für das Existenzrecht der Wallen eintreten würde, hätte ich Sie für verrückt erklärt. Die Legalisierung der Prostitution ist genauso ein niederländisches Mißverständnis wie das „gedogen“, die Duldung weicher Drogen. Ich weiß, daß der Kampf gegen Prostitution und Haschisch nicht zu gewinnen ist, aber das ist der Kampf jedes einzelnen Menschen gegen das fortschreitende Alter auch nicht. Eine Gesellschaft, die etwas auf sich hält, darf nicht aufhören, unliebsame Erscheinungen zu bekämpfen, und dabei ist das Prinzip manchmal wichtiger als die Pragmatik. Für mich, wie für die islamistischen Komplotteure, sind die Wallen eine Welt der Pervertierungen, doch wenn ich wählen müßte zwischen dem Heilsstaat der potentiellen Bombenleger und der schlampigen, hier und da verdreckten niederländischen Gesellschaft, würde ich nicht zögern. Auch Theo van Gogh war in gewissem Sinne die Personifizierung eines Mißverständnisses: Er konnte in unserem Land alles sagen und schreiben. Aber er wollte nicht einsehen, daß man diese Freiheit nicht bis zum Gehtnichtmehr auszunutzen braucht: Es ist nicht nötig, immer alles zu sagen und zu schreiben, was man denkt.

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WELT 14.12.2004

(23) Die toleranteste Gesellschaft der Welt

Holländisches Tagebuch (23)

von Leon de Winter

Vor drei Jahren stieg Pim Fortuyn als neuer Stern am politischen Firmament auf. Presse und Politik attackierten ihn wie einen niederländischen Haider. Manche versuchten ihn gar mit Worten zu töten. Ausländische Medien übernahmen das abschreckende Bild, das von ihm gezeichnet wurde.

Doch es traf nicht zu. Noch heute muß ich Ausländern das keineswegs so simple Phänomen Fortuyn erklären, diesen kuriosen Mix aus linken und rechten Anschauungen. Fortuyn sah, daß die sprichwörtliche niederländische Toleranz durch die Einwanderung intoleranter Gruppen unter Druck geriet. Er wollte nicht mit der Toleranz brechen, sondern eine Lösung für das Dilemma finden, wie die Toleranz zu wahren war, ohne in Intoleranz zu verfallen. Dazu bekam er keine Gelegenheit mehr. Kürzlich las die „New York Times“ den Niederlanden für ihre Immigrationspolitik die Leviten und glänzte dabei nicht gerade durch Sachkenntnis. Es stimmt nicht, daß die Niederlande einen Rückfall in intolerante Zeiten erleben. Die liegen schon so viele Jahrhunderte hinter uns, daß wir uns kaum noch daran erinnern. Und wir sind auch nicht darauf aus, die ethnisch-religiöse Zusammensetzung unserer Bevölkerung aufrechtzuerhalten.

Wir wissen nicht mal, was darunter zu verstehen ist. Gemerkt haben wir freilich, daß an bestimmten Schulen homosexuelle Lehrer von muslimischen Jugendlichen beleidigt werden, daß es dort schwierig ist, über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust zu unterrichten, daß der Ruf nach getrenntgeschlechtlicher Erziehung lauter wird, daß immer mehr Frauen Schleier tragen. Anders gesagt: Ein Teil unserer Immigranten nutzt unsere Toleranz aus, um im eigenen Kreis intolerante Wertvorstellungen einzuführen. Gut, könnte man sagen, das steht ihnen frei. Doch wenn diese Wertvorstellungen Aggression, Kriminalität, Gewalt, die Unterdrückung der Frau, mangelnde Bildung und mangelnde Toleranz gegenüber anderen Gruppen, ja sogar gegenüber der Mehrheit nach sich ziehen, wie soll eine Gesellschaft, zumal die toleranteste Gesellschaft der Welt, denn da reagieren?

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WELT 15.12.2004

(24) Wir müssen eine Weile die Tore schließen

Holländisches Tagebuch (Letzte Folge)

von Leon de Winter

Was bedeutet es, wenn der türkische Premier den Führern Europas sagt, sie würden, so die Londoner „Times“, „einen hohen Preis in Form anhaltender und wachsender Gewalt durch islamistische Extremisten zahlen, wenn die EU Beitrittsverhandlungen mit der Türkei ablehnt“? Recep Tayyip Erdogan, der als aufgeklärter Muslim gilt, behauptet also, Europa könne gar nicht anders, als dem Islam die Tore zu öffnen, entweder freiwillig, durch die Aufnahme der Türkei, oder unfreiwillig, infolge extremistischer Gewalt. Und wo genau besteht der Zusammenhang zwischen dem islamistischen Extremismus und der Türkei? Halten uns gemäßigte Muslime nicht dauernd vor, die Mehrheit der gläubigen Muslime habe nicht das geringste mit Extremisten zu tun? Und jetzt stellt Erdogan selbst eine Verbindung zwischen wachsendem Extremismus – seitens verstoßener türkischer Europa-Liebhaber? – und EU-Mitgliedschaft der Türkei her. Das ist infam. Europa hat das Recht, christlich oder säkular oder völlig liederlich zu sein; das ist allein seine Sache. Aber Joschka Fischer und die Seinen setzen Europa lieber den Drohungen eines zutiefst korrupten und gewalttätigen Landes wie der Türkei aus, als mit fester Hand das fragile Erbe der Aufklärung zu verteidigen.

Wir sollten die Arroganz aufbringen, unsere neuen islamischen Mitbürger Verträglichkeit, Individualität und die Rechte und Pflichten des modernen Bürgertums zu lehren, doch wir lassen uns von den Illusionen des Multikulturalismus lähmen. Seit den sechziger Jahren machen wir uns selbst weis, alle Kulturen seien gleichwertig. Wenn das so wäre, wäre Kannibalismus nur eine Frage des Geschmacks.

In den Niederlanden wie in ganz Europa wird der Druck der Intoleranten auf unsere Toleranz zunehmen. Uns bleibt keine andere Wahl: Wir müssen eine Weile die Tore schließen und uns auf die Frage besinnen, wer wir sein wollen und was wir dafür zu opfern bereit sind. Haben wir den Mut, Antworten darauf zu finden? Mit diesen Fragen schließe ich mein Tagebuch.

Ins Deutsche übersetzt wurde das „Holländische Tagebuch“ von Hanni Ehlers

#Presse #WELT

3 Antworten zu Leon de Winter: Holländisches Tagebuch

  1. Pingback: Moratorium für muslimische Zuwanderung – unsere Forderung gewinnt an Zustimmung « PAX EUROPA Blog

  2. Pingback: Wenn Gutmenschen über “Ausländerproblematik” schreiben « Willanders

  3. Manuela Ferrison schreibt:

    Das kann ich so nur bestätigen

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