Rezension – Ludger Lütkehaus: Ibn Rushd. Ein islamischer Aufklärer.

Der Retter aus der Rückständigkeit

Der Germanist Ludger Lütkehaus erinnert an den mohammedanischen Aufklärer Ibn Rushd und seine Rolle für das Abendland
Stefan Etzel

Daß dem Islam nicht das Licht der Aufklärung den Weg in die Moderne geleuchtet habe, wird von Kritikern wie Verteidigern der Religion Mohammeds gern ins Felde geführt, um deren „Rückständigkeit“ entweder zu erklären oder zu entschuldigen. Dabei setzte im islamischen Kulturkreis mit dem 873 gestorbenen Abu Yusuf al-Kindi schon sehr früh eine aufklärerische Denkbewegung ein, in welcher schon gut zweihundert Jahre nach dem Tod des Propheten der grundsätzliche Antagonismus zwischen philosophischer Vernunft und religiöser Offenbarung thematisiert wurde. Schluß- und Höhepunkt einer ganzen Kette großer muslimischer Philosophen war der 1126 in Cordoba geborene Ibn Rushd, der im lateinischen Westen unter dem Namen Averroes bekannt wurde. Dem Leben, Werk und Einfluß dieses außergewöhnlichen Denkers, der 1198 nach dreijährigem Exil in Marrakesch starb, hat der Literaturwissenschaftler Ludger Lütkehaus einen biographischen Essay gewidmet, der in gewohnt gediegener Ausstattung von der Basilisken-Presse Marburg aufgelegt wurde.

Wikimedia)Mit seinem Bemühen, eine Verbindung zwischen rationaler Vernunft und Glaubensoffenbarung herzustellen, hatte Ibn Rushd-Averroes nicht nur die islamische, sondern auch die christliche Lehre erschüttert – ja, im Rückblick läßt sich hierin seine eigentliche, langfristig wirkende Bedeutung erkennen. Während seine Lehre nämlich von der islamischen Orthodoxie wirksam unterdrückt und Rushd in die Verbannung gezwungen wurde, kann die Ausstrahlung seines Denkens auf die westliche Wissenschaft kaum überschätzt werden. Der ägyptische Philosoph Murad Wahhaba – der wie viele arabische Intellektuelle und die meisten Orientalisten das Ende der Philosophie im Islam mit dem Tode Ibn Rushds gleichsetzt – spricht denn auch von einem „Averroes-Paradox“: Während der Averroismus als philosophischer Trend genau in dem Moment eine wirksame Rolle bei der Herausbildung des europäischen Bewußtseins spielte, als es sich im Übergang vom Mittelalter via Humanismus und Renaissance zur Aufklärung befand, wurde dieser wirkmächtige Impuls von der islamischen Kultur vollkommen zurückgewiesen, womit deren oftmals beklagte „Rückständigkeit“ ihren Anfang nahm.

Rushds Ausstrahlung beruhte auf seinen Satz-für-Satz-Kommentaren der Werke des im Abendland in Vergessenheit geratenen Aristoteles, die so nicht nur der Menschheit bewahrt, sondern auf dem damals noch überlegenen Stand der arabischen Wissenschaften erschlossen und weiterentwickelt wurden. Mit Aristoteles brachte Rushd die Empirie, das „Licht der Natur“, gegen die Offenbarung in Stellung. Die Welt der Erscheinungen geriet so ins Zentrum des Interesses und nicht das, was sich an „Ideen“ möglicherweise hinter ihnen verbergen könnte. Die nüchterne Frage, wie und warum etwas funktioniert wurde damit wichtiger als die nach dem wozu. In seiner Kausalitätslehre vertrat Rushd-Averroes den notwendigen Zusammenhang aller Dinge und ließ de facto keinen Raum mehr für eine göttliche Schöpfung aus dem Nichts. Damit wurde er zum Feind jedweder Religion, was auch im christlichen Abendland so gesehen wurde (Aristoteles-Verbote als unmittelbare Auswirkung von Rushds Einfluß).

An dieser Stelle hätte man sich gewünscht, daß Ludger Lütkehaus den Faden ideengeschichtlich noch etwas weitergesponnen hätte, was aber wohl den Rahmen eines biographischen Essays sprengt. Man hätte dann sehen können, wie sich der Aristotelismus des Averroes gut hundert Jahre nach dessen Tod im Universalienstreit der Scholastik etwa in Gestalt des Nominalismus eines William von Ockham niederschlug. Dessen radikale Trennung („Ockhams Rasiermesser“) zwischen Glaube und Wissen, empirischer und metaphysischer Welt trug entscheidend zu jenem Gedankenstrom bei, der nicht nur den technischen Machbarkeitsglauben der westlichen Welt beflügelte, sondern letztlich auch zu Reformation und Aufklärung führte. Ockham hatte auch als einer der ersten die Trennung von Kirche und Staat gefordert, da es keine notwendige Korrespondenz zwischen dem Geist Gottes und der sozialen Ordnung gebe.

Hier zeigt sich die Aktualität und Brisanz Ibn Rushds bis in heutige innerislamische Debatten hinein. Sayyid Qutb, bis zu seinem Tode 1966 Chefideologe der Muslimbruderschaft und bis heute einer der einflußreichsten Vordenker des fundamentalistischen Islam, sprach von der „schrecklichen Spaltung“ des modernen Lebens und der „trostlosen Trennung“ von Religion und Staat in den modernen Gesellschaften. Diese Spaltung habe ihre Ursache in dem irreführenden Glauben an die Macht menschlicher Vernunft, der letztlich auf die „Unwissenheit“ antiker griechischer Philosophen wie Aristoteles zurückgehe, eine Unwissenheit, die über irregeleitete Denker wie Rushd Eingang in die philosophische Tradition des Christentums gefunden und über dessen expansive Kulturentwicklung zerstörerisch auf die islamische Welt zurückgewirkt habe.

Ludger Lütkehaus: Ibn Rushd. Ein islamischer Aufklärer. Biographischer Essay. Basilisken-Presse, Marburg 2008, broschiert, 32 Seiten, 18 Euro

erschienen in JUNGE FREIHEIT 20/2008, S. 17 (9. Mai)

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5 Antworten zu Rezension – Ludger Lütkehaus: Ibn Rushd. Ein islamischer Aufklärer.

  1. Sushi schreibt:

    Nach der Überlegenheit des Islam such ich ja immer noch, denk ich da an den Antikythera -Mechanismus aus Griechenland
    ( http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,569133,00.html )
    die Nebra-Scheibe mit ihrer Menschheits-ERSTEN Plejaden-Darstellung, dem ersten Radabdruck der Menschheit irgendwo bei Husum ( weil mit Rad über Schlamm besser zu kommen war ) .
    Die Alhambra ist zwar schön, aber gegen die ehemals christliche
    ,mit ihrer Kuppel für diese Zeit wirklich als architektonisches Wunder zu betrachtende Hagia Sophia eine absolute Nullnummer.

    Und Schädelminarette betrachte ich nicht als Kulturleistung.
    Und auch Klauen betrachte ich nicht als Kulturleistung.
    Ich suche sie also immer noch, die ehemalige kulturelle Überlegenheit des Islam.
    Aber ist vielleicht wirklich nur eine Frage des Standpunktes.
    Klauen als Kulturleistung, das muss es sein.

  2. Sushi schreibt:

    Und dass Strassenbeleuchtung und Verwaltungswesen auch nicht durch den Islam nach Europa gebracht wurden, sollte angesichts deren Existenz im alten Rom klar sein.

    Für den Islam gilt wie für nichts anderes(bestenfalls):
    ‚Alles nur geklaut‘
    oft allerdings auch:
    ‚er-mordet‘.
    Aber wozu existiert auch schon eine Sure(eine der wichtigsten Suren im Koran) AL-ANFAL , ‚die Beute“

  3. etzel schreibt:

    Danke für den Hinweis auf den Antikythera -Mechanismus. Kannte ich noch nicht.

  4. N.G.Pressburg schreibt:

    ich frage mich schon die ganze Zeit, wer die „ganze Reihe islamischer Philosophen“, wie erwähnt, sein soll. Mir fällt kein einziger ein. Sie alle waren, inkl.dem genannten al Kindi, Christen, Heiden, Mandäer, Freigeister. Nicht ein einziger Muslim ist unter den „islamischen“ Wissenschaftlern und Philosophen.

    Avicenna hatte einen buddhistischen Hintergrund und führte eine landesweit bekanntes unislamisches Leben (einschl. der verbotenen Obduktionen).

    Hinter Ibn Rushd würde ich ein Fragezeichen machen. Er war sicher kein Muslim im heutigen Sinne. Er bekämpfte Al Ghazali, den Totengräber der arabischen Wissenschaften und grossen Propagandisten dessen, was man heute unter „Islam“ versteht.Der Verbannung Ibn Rushds folgte ein totales Verbot der Philosophie insgesamt im Sinne Ghazalis, demzufolge jedes Wissen über den Koran hinaus gotteslästerlich sei. Von da bis in die Neuzeit stand die islamische Welt vollkommen still.

  5. Vernunft: ein Geschenk an Alle schreibt:

    Hallo,

    vielen Dank für diesen prima Artikel. Ich werde das Thema nachrecherchieren, ist wirklich interessant.

    Die Kommentare lassen allerdings zu wünschen übrig. Da bekomme ich leider den Eindruck, dass meine Kollegen nicht mal googeln können:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Islamische_Philosophie

    „Zahlreiche Texte arabischer Philosophie wurden u.a. von Mitgliedern der Familie der Tibboniden, Narboni und Gersonides ins Hebräische übersetzt und kommentiert, insb. auch Werke des Averroes. Wichtig ist insb. die Übersetzerschule von Toledo, wo auch zahlreiche Übertragungen ins Lateinische erarbeitet wurden.“

    Wenn wir Europäer zu unserer Aufklärung stehen wollen – und genau dies muss der Anspruch sein – dann dürfen wir doch nicht dauernd in die Falle tappen, aus einem reflexiven Automatismus heraus alles aus einem fremden Kulturkreis zu denunzieren oder das Gute daran stets als „geklaut“ zu betrachten.

    Vielmehr muss man sich fragen, warum die Mehrheit einer Kultur (Islam) solche kulturelle Errungenschaften ablehnte, während eine andere (Europa) sie aufnahm und dadurch aufgeklärter wurde, um schließlich in den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Politik zu überholen.

    Wenn die damaligen muslimischen Philosophen „Diebe“ waren, dann waren wir Europäer es auch: Siehe „Übersetzerschule von Toledo“ oben.

    Um die moralische Hoheit übers Thema also weiterhin zu behalten, müssen wir von den Muslimen, und übrigens auch von manch einer katholischen „kinderfreundlichen“ Institution, rasche Aufklärung und Reform im Sinne der eigenen Tradition fordern und verlangen.

    Diese aber dann auch anerkennen, wenn sie denn geschieht, ist wahre Aufklärung.

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