Raspail: Heerlager | Vorwort Martin Lichtmesz | Exzerpt

s. Jean Raspail: Das Heerlager der Heiligen

5 | Entstehung 1971/72 an der Côte d’Azur. Einzelheiten s. »Big Other« –
5f | Das Buch liest sich heute verblüffender, hellsichtiger und erschreckender als je zuvor. Der Chor der humanitären Stimmen, der wie im Roman diese Entwicklung verklärt und verzuckert, wird wohl in wenigen Jahren in einen anschwellenden Bocksgesang übergehen. Dem Ansturm steht ein demographisch schrumpfender Kontinent gegenüber, der, wie Raspail betont, seine „Seele“ verloren hat: seinen Selbsterhaltungswillen, seine Selbstachtung und vor allem seinen Glauben – sei es an Gott, sei es an sich selbst. Diese Dynamik mündet in einen „großen Austausch“ (Renaud Camus) der europäischen Stammvölker.

7 | Eine von Raspails Bezugsquellen ist das berüchtigte Vorwort von Jean-Paul Sartre zu Frantz Fanons antikolonialistischer Bibel Die Verdammten dieser Erde (1961). Sartre pries darin die weltrevolutionäre Fusion von Rassen-und Klassenkampf, wie sie schon von Spengler prophezeit worden war, und zeichnete die farbigen Massen als „Zombies“, die gleichsam von den Toten auferstehen und den Spieß der Geschichte umkehren: „Jetzt seid ihr an der Reihe; in jenem Dunkel, aus dem eine andere Morgenröte hervorgehen wird, seid ihr jetzt die Zombies.“

Raspail zeigt immer wieder, dass es durchaus gute Gründe gibt, die Welt der Weißen so zu sehen – und zu hassen – wie etwa ein Fanon. Allerdings weiß er auch, dass der Konflikt unauflösbar ist und Ungleiches nicht gleich gemacht werden kann; jegliche Illusion über die Natur des Menschen führt ins Desaster. Dass Raspail die Zerstörung des Abendlandes dennoch als einen satanischen Vorgang schildert, vorangetrieben von apokalyptischen Tieren, Antichristen und falschen Propheten, ist eine der vielen Doppelbödigkeit des Romans.

Raspails Charaktere sind typenhaft zugeschnitten und dienen oft nur als Sprachrohre für diesen oder jenen Gedanken. Diese Vereinfachung wird jedoch aufgewogen durch eine überbordende Fülle an pointierten, oft makaberen und bizarren Szenen, die sich dem Leser unvergesslich einprägen. Der eigentliche Schrecken für Raspail ist dabei allerdings nicht die Rasse, sondern die Masse: als physische Überzahl ebenso
8 | wie als totalitäre Gleichschaltung aller Köpfe und als kollektive Regression und Hysterie. Er schildert eine Gesellschaft, in der sich Infantilismus und Sentimentalität mit dem Ressentiment, dem Hedonismus, dem Neid und dem Herdentrieb verbinden. Zusammen mit einem maßlosen, kryptoreligiösen Utopismus wird daraus die linke Ideologie unserer Zeit, die inzwischen in jede Ritze unseres Daseins gedrungen ist.

Raspail blickt mit besonderer Verachtung auf die nachkonziliare Christenheit, deren Vertreter heute kaum mehr von seinen Romanfiguren zu unterscheiden sind, allen voran Papst Franziskus, der dem Benedikt XVI. [!!] des Buches mehr ähnelt als sein Vorgänger. Der wesentliche Gedanke ist hier, dass die Krise und Krankheit des Abendlandes eine metaphysische, religiöse ist, und dass hier das im Heerlager refrainartig angesprochene Geheimnis seines Verfalls zu suchen ist [»Vielleicht ist das eine Erklärung«] .

Nach wie vor gelten Raspails abschließende Worte zum Vorwort der 3. Aufl.: Dass er als Romanschriftsteller keine Theorie, kein System, keine Ideologie vorzuschlagen habe. „Es scheint mir jedoch, dass sich uns nur eine Alternative bietet: den schicksalsergeben Mut aufzubringen, arm zu sein, oder den entschlossenen Mut wiederzufinden, reich zu sein. In beiden Fällen wird sich die sogenannte christliche Nächstenliebe als ohnmächtig erweisen. Diese kommenden Zeiten werden grausam sein.“

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