„Ein einziges nachdenkliches Wort!“

Hinter Eurobonds „versteckt sich eine Version des alten antinationalen Affekts der Linken und im Kern die sozialistische Aporie: Am Ende sind alle Habenichtse.“

Botho Strauß, bedeutendster Dramatiker der Gegenwart und Autor des Essays „Anschwellender Bocksgesang“, hat sich angesichts der gegenwärtigen Krise in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23. August 2011) zu Wort gemeldet.

Ein Wort aus Politikermund, das aufhorchen ließe, wurde seit langem nicht vernommen, stellt Strauß fest. Die Autorität der Verantwortlichen leide in der Regel, sobald sie den Mund aufmachen und ihre „Fertigteil-Sprache“ absondern. „Jedermann ist des Gewäschs überdrüssig. Man will nie wieder etwas von einem Schritt in die richtige Richtung hören“ – wohl aber „ein einziges nachdenkliches Wort!“.

Im Folgenden ein Auszug des im FAZ-Feuilleton erschienen Artikels:

Gerade angesichts der Krisenkette zur Einleitung des neuen Jahrtausends wäre es ratsam, ein Pflichtfach Ökonomie für höhere Schulklassen einzurichten. Nicht um noch gerissenere Marktteilnehmer zu erziehen, sondern um der gefährlichen Bequemlichkeit sich forterbender antikapitalistischer Affekte, der im Volk wahrscheinlich am weitesten verbreiteten intellektuellen Einschränkung, entgegenzuwirken. Das „Anti“ in Form von streitbaren Antipoden und konkurrierenden Schulen versammelt das marktwirtschaftliche Denken in sich zur Genüge. Es ist jedenfalls anregend und spannend, die verschiedenen Methodenlehren der Nationalökonomie und Geldpolitik zu verfolgen – so weit zu verfolgen, bis man zur tieferen Unschlüssigkeit der gesamten Entwürfe vorstößt und sich der Ablösbarkeit und Widerlegbarkeit so gut wie jeder Schule bewusst wird. Schumpeter, Eucken, Müller-Armack, von Mises, erst recht Keynes und Friedman gehören nicht nur zur Theorie-Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, im Vergleich zu anderen Denkern, Historikern oder Philosophen nahmen nicht wenige auch einen erheblichen Einfluss auf die Politik und das soziale Leben.

Wenig fruchtbar ist in der Folge allerdings die Aufteilung der gegensätzlichen Schulen auf politische Parteien und Parteiungen. Der Liberale wird immer mit seinem ordnungspolitischen, der Grün-Linke immer mit seinem keynesianischen Derivat handeln (also für mehr Schulden zur Stimulierung des Arbeitsmarkts, des Konsums plädieren). Keiner weicht von seiner Linie ab, bei keinem reißt sie irgendwo oder verbindet sich mit der Gegenlinie. Wir haben es auf diesem Gebiet zu oft mit Ideologen zu tun, die gar nicht mehr merken, dass sie keine Ideologie mehr besitzen, da diese längst in ihre pro- oder antikapitalistischen Affekte diffundierte. Und solche Ablagerungen sind oft störrischer und beständiger als dogmatische Prinzipien. Im Vorschlag, auf dem Wege von Eurobonds die gegenwärtige Schuldenschwemme auf alle siebzehn Euro-Länder zu verteilen und dies als ein Gebot der Solidarität auszugeben, versteckt sich eine Version des alten antinationalen Affekts der Linken und im Kern die sozialistische Aporie: Am Ende sind alle Habenichtse.

Das Volk ist verwöhnt, bequem, leicht reizbar und hypochondrisch. Auf dem Gebiet, von dem sein Wohlergehen am meisten abhängt, ist das Volk ein Stümper. Die Entscheidungsträger haben sich daran gewöhnt, zu ihm durch Gesetze und Regelwerke zu sprechen. Ein Wort, das vielleicht allgemein aufhorchen ließe, wurde von einem Politiker seit langem nicht vernommen. Die Autorität, die er vielleicht kraft seines Amtes noch besitzt, leidet in der Regel, sobald er den Mund aufmacht. Jedermann ist des Gewäschs überdrüssig. Man will nie wieder etwas von einem Schritt in die richtige Richtung hören. Selbst wenn er getan würde, was offenbar nur selten der Fall ist, bliebe er in solcher Sprache ungetan für den Zuhörer, die Floskel isoliert ihn hermetisch vom Tatbestand. Prägnante, nicht etwa „gewählte“ Sprache vermittelt Autorität. Wer seine Muttersprache beherrscht und nicht auf ihrer glatten Oberfläche dahinschlittert, dem traut man auch zu, das Sagen zu haben.

Nun meint man leicht mit Goethe, der Handelnde sei immer gewissenlos, das ist modern: ohne Reflexion. Das mag zutreffen, wenn die geschichtliche Stunde einen Politiker zum Handeln erwählt. Die unzähligen Untätigen der Geschichte aber, die Abend für Abend in den TV-Studios herumlungern und ihre Fertigteil-Sprache absondern, erregen selbst beim breiten und doch feinhörigen Publikum den Verdacht, dass ihre mangelnde sprachliche Ausdruckskraft keinen guten Schluss auf ihre Handlungsstärke zulässt. Nichtbeherrschbarkeit in der Szenerie der Krise lässt sich natürlich nicht auf die rhetorische Schwäche der Verantwortlichen zurückführen, zumal sie womöglich nur teilhat an dem magisch-medialen Machtverlust, den Sprache an sich heute erleidet, im Bereich der Künste nicht anders als bei der öffentlichen Rede. Kommunikation schleift den Stil und gleicht die Zungen einander an.

Die Börse ist seit jeher ein Ort, an dem persönliche Autorität keine Rolle spielt, ausschlaggebend ist am Ende allein das Schwarmverhalten. Soll das in Zukunft auch – mit Rücksicht auf Facebooks Millionenschwärme – für die Politik gelten? Kein rhetorisch begnadeter Politiker, keine noch so unanfechtbare Autorität könnte die Nichtbeherrschbarkeit des derzeitigen Schuldendilemmas mit Worten durchdringen oder gar bannen. Gleichwohl: ein einziges nachdenkliches Wort! Wäre jemand von Amt und Rang dazu imstande – es würde den Handelnden nicht nur Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, sondern das Thema, das Dilemma, die Katastrophe für einen bemerkenswerten Augenblick aus dem Schattenreich medialer Indifferenz herausgeführt haben.

Stattdessen ist im Zusammenhang mit den Finanzstrategien der EZB ein anderes einziges Wort wieder aufgetaucht, das noch aus Maggie Thatchers Zeiten stammt und Regierenden dazu diente, einer zu ihrem Vorteil gefällten Entscheidung den Anstrich der Unumgänglichkeit zu geben: „Tina!“ (There is no alternative!). Da gegenwärtig Not und Notwendigkeit nicht mehr vorgegeben werden müssen und den Handelnden kaum eine Wahl bleibt, kann die Losung eigentlich nur mit knirschenden Zähnen als Fluch ausgestoßen werden. Die Kritiker dieser Losung, die einst die „Alternativen“ hießen, was würden sie heute vorschlagen? Auflösung des gesamten Pakts, nördliche Kernzone für den Euro, staatliche Insolvenzen zulassen, niemals um jeden Preis etwas retten, das so nicht zu retten ist? Die Alternativen von heute sind die Ökonomen, die nicht in politischer Pflicht stehen.

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